Medizinisch-literarische Netzwerke in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen : Zeitschriften, Institutionen, Orte, herausragende Figuren. (Veranstaltungsprojekt)


Allgemeine Angaben

Projektbeginn
Donnerstag, 24. November 2016
Projektende
Freitag, 25. November 2016
Status
abgeschlossen
Weiterführender Link
http://www.unifr.ch/mh/de/research/studientag
Thematik nach Sprachen
Sprachübergreifend, Französisch
Disziplin(en)
Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Figuren, Institutionen, Netzwerke, Medizin, Literatur

Aktiv beteiligte Person(en)

(z.B. Kooperation, Mitarbeiter, Fellows)

Julien Knebusch Martina Diaz Thomas Augais Alexandre Wenger


Exposé

Studientag organisiert im Rahmen des Projekt des Schweizerischen Nationalfond zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) « Die Figur des Dichter-Arztes (XX.-XXI. Jht.) : eine Neukonfiguration der Wissensformen » (Universität Freiburg, Schweiz).

Verantwortliche : Alexander Wenger, Julien Knebusch, Martina Diaz, Thomas Augais (Univ. de Fribourg)

Call for papers

Das XIX. Jht. wird oft als das grosse Jahrhundert der Cliniciens ès Lettres (Kliniker und Literaten zugleich) betrachtet, wo herausragende Figuren der Medizin wie Charcot unverzichtbare Akteure auch in der literarischen Welt sind, wo andererseits die Schriftsteller die Spitäler auf der Suche nach den neuen Entdeckungen der Medizin aufsuchen. Aber solch ein Austausch zwischen Medizin und Literatur versiegt keineswegs im XX. Jht. Mehrere Studien über das Gebiet « Literatur und Medizin » haben dies gezeigt. Die Netzwerke, die der Nährboden dieses Austausches bilden, sind aber weit davon entfernt, bekannt zu sein.

Nach dem ersten Weltkrieg befindet sich die Annäherung zwischen Literatur und Medizin im Mittelpunkt von geopolitischen Spannungen und bekommt so eine neue Ausstrahlungskraft. Die Gründung der Internationalen Kommission für intellektuelle Zusammenarbeit des Völkerbundes im Jahre 1922 verleiht dem stattfindenden Austausch, der sich jetzt über ganz Europa erstreckt, eine besondere Dimension. Paul Valéry, unter anderen, ist dort sehr aktiv – zur gleichen Zeit arbeitet Louis-Ferdinand Céline im Bureau für Hygienefragen des Völkerbundes – und trifft dort zahlreiche Ärzte. Wie hat sich dieser Austausch zwischen Medizin und Literatur im Einzelnen entwickelt ? Unsere Veranstaltung soll sich mit den herausragenden Persönlichkeiten dieses Dialogs beschäftigen, aber auch eine Analyse der täglichen Gegebenheiten dieses Dialogs vornehmen und so den Hintergrund des Austausches beleuchten.

Die von Ihnen erwarteten Beiträge können Verbände, wie zum Beispiel die Association des médecins et pharmaciens écrivains (Vereinigung der schriftstellerisch tätigen Ärzte und Apotheker) betreffen, deren Präsident George Duhamel im Jahre 1938 war. Das Interesse für diese Institutionen ermöglicht es, die politische und kommerzielle Logik zu verstehen, die die Schwerpunkte des Dialogs zwischen Literatur und Medizin beeinflussen.
Mit den Verbänden von Arzt-Dichtern kann der Aufbau einer Figur des Dichter-Arztes beobachtet werden, der sich an einem universalistischen Ideal orientiert und dabei den Bezug auf Hippokrates mit dem Bezug auf den Kosmopolitismus in Verbindung bringt. Diese Gruppen, die aus der Erfahrung des Krieges entstanden sind, kamen im Rahmen von internationalen Kongressen zusammen und ein universalistisches Menschenbild wurde befürwortet. Duhamel zitierte diesbezüglich Littré, der eine medizinische Ausbildung hatte und Hippokrates übersetzt hatte. Littré erklärte : « wenn der Azrt kosmopolitisch aufgrund seines Studiums wird, dann soll er auch Zeitgenosse eines jeden Zeitalters sein ». Die Logik der aufgebauten Institutionen erlaubt es, zu verstehen, wie sich Schriftsteller, fortgeschrittene Medizinstudenten und Ärzte in den Krankenhäusern und in Forschungszentren trafen und in Gelehrtengesellschaften zusammen gearbeitet haben.

Ein besonderes Augenmerk wird auf die Kongresse gelegt, wo Schriftsteller und Ärzte in Institutionen und Akademien kommunizierten. Dabei könnte es sich z.B. um die Akademie für Chirurgie handeln, die sich 1938 auf der Initiative von Henri Mondor wünschte, dass ein Dichter wie Paul Valéry « den Chirurgen zu öffnen » versucht. Es könnte auch die Akademie Française behandelt werden, die Dichter-Arzte wie George Duhamel aufnimmt.

Die Presse ist ein Hauptakteuer des Dialogs zwischen Medizin und Literatur, sie ist aber bislang nicht ausreichend untersucht worden. Insbesondere die reichhaltige medizinische Fachpresse, die sich der Literatur und der Literaturkritik öffnete, kann zu einer Stätte des Schaffens und der Begegnung werden, wo Ärzte ihr Verhältnis zur Literatur hinterfragen können. Eine Zeitschrift wie die Chronique Médicale, die von Augustin Cabanès gegründet wurde, erweiterte ihre Leserschaft über die Mediziner in ganz Frankreich. Die Rolle der Pharma-Labors ist ebenfalls wichtig, denn sie können die Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften im Sinne eines Mäzenentums oder der Selbstförderung finanzieren. Der Werbeanteil fehlt jedoch selten, wie dies der Fall mit Art et médecine, der luxuriösen Zeitschrift des Pharma-Unternehmens Debat ist.

Und zum Schluss, welches sind die Orte, die eine Annäherung zwischen Arzt und Schriftsteller dauerhaft begünstigt haben ? Ein Autor wie Paul Valéry dehnt seine Beziehungen zu der Medizin der mondänen Pariser Kreise auf Akademien aus und zwar über die Pharma-Unternehmen, die Zentren der biomedizinischen Forschung sind, so das Institut Pasteur, wo Pierre Lecomte du Noüy Paul Valéry an das Konzept der « eigentlichen biologischen Zeit » heranführte, oder das Pharma-Labor von Henri Piéron, einem Professor für die Physiologie der Empfindungen im College de France, der Paul Valéry den kathodischen Oszillographen 1934 nahe brachte, was bei diesem dann zu einer Fülle von Gedanken über « die Knoten der wahrnehmbaren oder der psychischen Welt » führte.

Wir hoffen, dass wir mit dieser Veranstaltung beitragen, eine Art Inventar zu den vielen offenen Fragen zu entwickeln, die den Dialog zwischen Literatur und Medizin in einer entscheidenden Zeitperiode betreffen.

Vortragsvorschläge (mit Titel und einer Zusammenfassung von 15 bis 20 Zeilen, zusammen mit einer Bio-Bibliographie einer halben Seite) sollten bis spätestens zum 20. Juni 2016 an Martina Diaz (martina.diaz@unifr.ch) und Thomas Augais (thomas.augais@unifr.ch) geschickt werden. Die Beiträge (25 Minuten) werden in französisch, in englisch oder deutsch gehalten.


Anmerkungen

SNF-Projekt “Die Figur des Dichter-Arztes”

Ersteller des Eintrags
Julien Knebusch
Erstellungsdatum
Donnerstag, 12. Mai 2016, 17:45 Uhr
Letzte Änderung
Donnerstag, 12. Mai 2016, 17:54 Uhr