Heinrich Mann: Essays und Publizistik (Sammelband)

Mai 1889 bis August 1904


Allgemeine Angaben

Herausgeber

Peter SteinAnne FlierlManfred HahnWolfgang KleinVolker Riedel

Verlag
Aisthesis
Stadt
Bielefeld
Publikationsdatum
2013
Reihe
Kritische Gesamtausgabe in neun Bänden 1
Weiterführender Link
http://www.aisthesis.de/titel/9783895289354.htm
ISBN
978-3-89528-935-4 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Französisch
Disziplin(en)
Medien-/Kulturwissenschaft
Schlagwörter
Henri Rochefort

Exposé

Band 1 der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik versammelt zum ersten Mal vollständig die frühen Arbeiten Heinrich Manns. Siebzehn davon sind schon damals nicht veröffentlicht worden. Kaum eine wurde nach dem ersten Erscheinen ein weiteres Mal publiziert. Der Autor selbst hat – im Gegensatz zum späteren Vorgehen – keine in eine Sammlung eigener Texte aufgenommen, und mehr als das: Mit 32 bekannte er dem Bruder Thomas, er habe sich am “Rande des Blödsinns” bewegt, und von nun an suchte er die ästhetischen und politischen Positionen seiner frühen Essayistik und Publizistik zunehmend vergessen zu machen. So wurde – wenn auch auf eine recht gewaltsame Weise – die Bahn frei für den Auftritt des Dichters und politischen Intellektuellen Heinrich Mann, der (wie es 1910 dann hieß) seinen Weg „von der Behauptung des Individualismus zur Verehrung der Demokratie“ nahm. Lange nach seinem Tod hat zwar die Spezialforschung den Ästhetizismus des jungen Autors erörtert, und noch etwas später wurde sein Antisemitismus politisch kritisiert. Aber die Suche nach Antworten auf Rainer Maria Rilkes 1907 verwundert gestellte Frage: “Wann hat dieser große Künstler seine Lehrzeit gehabt?” kann erst jetzt auf alles zurückgreifen, was Heinrich Mann zwischen 1889 und dem Sommer 1904 in der Presse des wilhelminischen Deutschlands zur Sprache zu bringen suchte. Französische Autoren sowie die französische Geschichte und Kultur (in bestimmtem Maße auch Italien, das Land, in dem Heinrich Mann damals häufig lebte und reiste) nehmen darin einen besonderen Platz ein.

In Reiseskizzen kommt es Heinrich Mann “auf die Stimmungen an, die aus Landschaften und Kunstwerken gezogen werden” können. In Besprechungen neuer Stücke und Romane von Maurice Maeterlinck, Paul Bourget, Jules Amédée Barbey d’Aurevilly und zahlreichen weiteren Zeitgenossen wird deutlich, wie intensiv er die neueste Literatur verfolgt – in Deutschland, aber schon damals fast mehr noch in Frankreich –, wie genau er liest und wie er für das eigene Schreiben daraus zu gewinnen sucht. Ein Auftritt Isadora Duncans in München wird 1902 mit ebenso viel einfühlender Begeisterung beschrieben wie – noch nie gedruckt – eine fast gleichzeitige Aufführung des mit Frank Wedekind verbundenen Kabaretts Die Elf Scharfrichter, und der “große Moderne” Heinrich Heine wird schon 1891 beobachtet, wie er sein Gedicht “Enfant perdu” schreibt: “Das war es: begreifen, daß die Zeit niemals reif ist für die Zukunftsritter.” Auch die modernen Naturwissenschaften beschäftigen ihn, und die psychophysiologischen Versuche, Genie und Wahnsinn der Künstler zu begreifen, finden ihn auf der Höhe.

Nachzulesen ist außerdem, dass Heinrich Mann schon seit Ende 1892 Artikel zur aktuellen Politik verfasst und wie er dann vor allem in der von ihm 1895/96 herausgegebenen Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert als Reaktionär agiert (zum Einstieg titelt er programmatisch: “Reaction!”). Über die 36 bereits bibliographisch verzeichneten Beiträge zu diesem Blatt hinaus konnten ihm weitere siebzehn zugeordnet werden (darunter z. B. eine ausführliche Besprechung von Theodor Herzls Buch Der Judenstaat), und in den Kommentaren wird zudem das Umfeld erstmals umfassend ausgeleuchtet, in dem diese Texte erscheinen. Der Antisemitismus zeigt sich dabei als Teil eines Kampfes um die Behauptung der politisch-kulturellen Identität des Deutschen und des Abendländischen – gegen das Judentum, aber auch gegen “Asien” –, die schon damals angestrebte Verständigung mit Frankreich gewinnt ihr erstes Motiv aus diesem Ziel, und auch die erste Ausgabe der nachgelassenen Fragmente Nietzsches wird aus diesem Blickwinkel gelesen. Hinzu treten die Auffassung, dass kriegerische Gewalt zur Durchsetzung politisch-kultureller Ziele notwendig, legitim und mit positiven Folgen für den Stärkeren verbunden sei, und die Überzeugung, dass sich im Kampf ums Dasein menschliche Merkmale (Rassen) und Kulturen als Stärkere herausbilden, die das Recht haben, zum eigenen Schutz Schwächere als Minderwertige zu eliminieren – typische Gedanken des zeitgenössischen Konservatismus, die im 20. Jahrhundert tatsächlich (da stimmte der Titel der Zeitschrift) Wirklichkeit bilden sollten: mit zeitweise katastrophalen Folgen und noch immer virulent.

Aus Heinrich Manns Texten verschwindet dieses Denken im Sommer 1896. Als er sich mehr als sieben Jahre später wieder politisch äußert, ist der Bruch deutlich. Der Band enthält am Schluss die frühesten schriftlichen Zeugnisse, die dazu verfügbar sind: den bisher unveröffentlichten Entwurf einer Rezension zu den Erinnerungen des französischen Radikalliberalen Henri Rochefort und – als Anlage – die noch nicht vollständig bzw. überhaupt noch nicht bekannten Entwürfe zu zwei langen Briefen, in denen Heinrich Mann im Dezember 1903 und Januar 1904 auf die vernichtend gemeinte Kritik erwiderte, die der Bruder Thomas an seinem kurz zuvor erschienenen Roman Die Jagd nach Liebe geübt hatte. Aus dem ersten stammt das oben zitierte Wort vom “Blödsinn”, dem er mit Mühe entgangen sei. Am Schluss des zweiten heißt es: “Mit den – gebrochenen, verkümmerten – Instinkten des herrschsüchtigen Sinnlichen unter ein Volk verbannt, das alle Herrschaft demüthig einer Kaste abtritt; das geringe sinnliche Bedürfnisse hat und von dem der sinnliche Künstler nicht eine Steigerung ist (wie bei den Romanen), sondern unter denen er als Ausgestoßener herumlungert; ich empfinde das als widerwärtiges Geschick; ich fühle, daß alles Verrenkte, alles Peinigende in mir aus dieser Quelle kommt. […] Ich leide fortwährend unter Dingen, die mich nichts angehn. Wenn ich eine Zeitung lese, muß ich mir immerfort ins Gedächtniß rufen, daß ich keine Beziehungen zu all den Ungeheuerlichkeiten habe, daß ich ein alleinstehender” – mit diesem bezeichnenden Wort endet der nicht vollständig überlieferte Entwurf (die letzten Seiten des Notizbuches, in dem er sich findet, fehlen).

Der jetzt vorliegende Band lässt begreifen, welche Menge und welche Bewegung von Gedanken Heinrich Mann an diesen Punkt führten. Sein Konservatismus war einer der kulturellen Fülle. Auch später hat er, wie Volker Riedel in einer längeren Untersuchung gezeigt hat, die ebenfalls im Aisthesis Verlag erschienen ist, an wesentlichen Gedanken aus dieser Zeit festgehalten. Aber kurz darauf wurde er zum erbittert idealistischen Intellektuellen: er kritisierte von nun an radikal die ungeheuerlichen Dingen, die ihm begegneten. Dass und wie unmittelbare Volksherrschaft und Freiheit – wie sie zu Beginn der Französischen Revolution 1789/90 verstanden wurden – zu Leitbegriffen wurden und wie das Wissen um Literatur und Kultur darin wirkte, ist dem bereits erschienenen zweiten Band der Edition mit den Schriften vom Herbst 1904 bis zum Oktober 1918 zu entnehmen.

Inhalt

1890-1895

Sudermanns “Ehre”. Eine Gegenkritik
Ein kritisches Genie
Verein Deutsche Bühne: Julius Hart, Der Sumpf
Verein Freie Bühne: Emile Zola, Therese Raquin
Freie Volksbühne, Berlin: Anzengruber, Doppelselbstmord
P. K. Rosegger, Am Tage des Gerichts
„Seltsame Geschichten“. Von Richard Zoozmann
Berliner Theater
Neue Romantik
Wald- und Wiesenmärchen
Julien Gordon
Bourget als Kosmopolit
April
Stimmungen einer Stadt [später: In Bozen]
Februar in Florenz
Alphonse Daudet über das Theater
Viareggio
Füßen
Assisi
Barbey d’Aurevilly

1895-1896 (Beiträge in der Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert)

Reaction!
Ethische Kultur
Kleine Geister
Das Elend der Kritik
Beobachtungen eines französischen Studenten in Deutschland
Degeneration
Regeneration
Bismarck und die Franzosen
Zur Umsturzvorlage
[„Der Deutsche Michel“]
Der weibliche Umsturz
Die Moral der Entwickelungslehre
Bauerndichtung
Die Aachener Sachverständigen
Victor von Andrejanoff, Weltgericht
Wilhelm II. [I]
„Jüdischen Glaubens“
Das Reichstags-Wahlrecht
Decentralisation
„Bei den Deutschen“
Kriegs- und Friedensmoral
Frauenfrage
Mariaberg
„Neues Leben“
Die Behandlung der Presse
Zionismus
Vorbemerkung [zu Xanthippus, „Ein Wort zur Erziehung zum Deutschthum“]
Zur Psychologie des Juden
[A. Riehl, „Die Kulturbedeutung der Gegenwart“]
Dezentralisation
Weltstadt und Großstädte
Wilhelm II. [II]
Die soziale Lage der Frau
[Christian Wiener, Die Freiheit des Willens]
[Sigmund Bodnár, Über den Bankerott der Wissenschaften]
[Nachbemerkung zu: „Was liest der deutsche Arbeiter?“]
[Leo Tolstoi, Grausame Genüsse]
Vorbemerkung [zu Fritz Mader, "Die Entartung der Kulturvölker]
Volks-Hochschulen
Weibliche Studierende
Zwei Gedichtbücher
Rußland
Volksbibliotheken
[Religiöse Kunst]
Die Psychiatrie
Zum Verständnisse Nietzsches
[Anmerkung zu H. Bonté: “Deutschnational und Christlichsozial”]
[Ein Plagiat]
Eine neue Litteraturströmung
Der Judenstaat
Das hohe Haus. Parlamentsbilder aus Oesterreich
Die jüdische Moderne
Die deutsche Kaiseridee in Prophetie und Sage. Von Dr. F. Kampers

1897-1904
Rückblick auf den römischen Carneval 1897
Im Volskergebirge
Chloë. Eine Tanz-Exegese
Monna Vanna
Der Roman der Herzogin von Aßy
Eine Selbstcharakteristik
[Beitrag zu: Detlev von Liliencron zu Ehren]
[Autobiographie, 1904]

Unveröffentlichte Texte 1889-1904

Fantasieen über meine Vaterstadt L.
Felix Holländer, Jesus und Judas. Ein moderner Roman
[Rezensionen für die Zeitschrift Der Zeitgenosse]
Max Kalbeck, Aus alter und neuer Zeit. Gesammelte Gedichte
Der große Moderne
„Freie Liebe“
Antiengländer
Das Gelobte Land (Paul Bourget)
Noch einmal Bourget
Russenfrieden und Friedens-Conferenzen
Walther Siegfrieds “Fermont”
Aus guter Familie
Platen in Italien
Für den Waschzettel. Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy
[Über Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy]
Münchner Theater
Rochefort

Anlage 1903

An Tommy Nach der Jagd nach Liebe

Anhang

Zu dieser Ausgabe
Zum vorliegenden Band
Apparat zu den Texten
1890-1895
1895-1896
1897-1904
Unveröffentlichte Texte 1889-1904
Anlage 1903
Siglenverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Register der Werke Heinrich Manns
Personenregister
Register der Periodika
Register der Verlage


Anmerkungen

keine

Ersteller des Eintrags
Redaktion romanistik.de
Erstellungsdatum
Dienstag, 08. Oktober 2013, 17:48 Uhr
Letzte Änderung
Dienstag, 08. Oktober 2013, 17:48 Uhr