Wissen und Diskurshoheit (Monographie)

Zum Wissenschaftsbezug in Lyrik, Poetologie und Kritik des Parnasse 1840-1900


Allgemeine Angaben

Autor(en)

Henning Hufnagel

Verlag
De Gruyter
Stadt
Berlin/Boston
Publikationsdatum
2017
Auflage
1
Reihe
linguae & litterae, Bd. 60
Weiterführender Link
https://www.degruyter.com/view/product/248433
ISBN
978-3-11-034857-6 ( im KVK suchen )
Thematik nach Sprachen
Französisch
Disziplin(en)
Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Polemik, Literatur und Wissenschaft, Ferdinand Brunetière, Maurice Barrès, Paul Bourget, Émile Zola, Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire, Alphonse de Lamartine, Alfred de Vigny, Victor Hugo, Maxime Du Camp, Charles Coran, Sully Prudhomme, Théodore de Banville, Catulle Mendès, Théophile Gautier, José-Maria de Heredia, Leconte de Lisle, Naturalismus, Realismus, Parnasse, Literaturkritik, Literaturgeschichtsschreibung, Gattungen, Poetologie, Wissenschaftsdiskurse, Lyrik

Exposé

In Darstellungen der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts werden Lyrik und Prosa in ihren Entwicklungen oft als gegensätzlich einander gegenübergestellt. Insbesondere scheint es in der Lyrik nichts zu geben, was dem offensiven Rekurs auf Wissenschaftsdiskurse im zeitgenössischen Roman vergleichbar wäre. Das vorliegende Buch zeigt hingegen, dass der Parnasse ein lyrisches Paradigma darstellt, das sich an anderer, doch ebenso zentraler poetologischer Stelle auf Wissenschaft bezieht: In parnassischer Lyrik nimmt Wissenschaft die Systemstelle ein, die in der Romantik der Subjektivität zukam. Damit stellt das Buch einen überraschend neuen Begriff des Parnasse bereit.

An einer Vielzahl von Textinterpretationen zeigt das Buch, wie diese Gedichte durch Bezugnahmen auf wissenschaftliche Inhalte und Methoden strukturiert werden. So tritt diese Lyrik mit dem Roman in einen Kampf um die Diskurshoheit über die Literatur nach der Romantik ein. Ihn untersucht das Buch an einer breiten Auswahl poetologischer und literaturkritischer Texte. Damit liefert es einerseits einen Beitrag zur Lyrikgeschichte des 19. Jahrhunderts, andererseits aber auch eine Neuperspektivierung der Literaturgeschichte dieses Jahrhunderts in einem umfassenden Sinne.

Inhalt

Vorwort IX

1 Einleitung: Vom Lyrikschreiben wird dringend abgeraten 1
1.1 Lucien de Rubempré, Catulle Mendès und die Schwierigkeiten nachromantischer Lyrik 1
1.2 Wissenschaft als zentrales Poetologem für die Nachfolge der Romantik 3
1.3 Aufriss der Arbeit 9

2 Begrifflicher und theoretischer Rahmen 11
2.1 Literatur, Wissen und Wissenschaft 12
2.2 Lyrik und Wissenschaft 16
2.3 Zu systematischen Differenzen im Wissenschaftsbezug von Lyrik und Narrativik 20

3 Heillose Heterogenität? Der Parnasse als begriffliches Problem 23
3.1 Der Parnasse als Problem für Epochentheorien: Beschleunigung des Systemwandels im Gefolge der Romantik 23
3.2 Der Parnasse als Problem für Paradigmentheorien: Heterogenität 26
3.3 Parnasse und Wissenschaftsbezug: Zum Forschungsstand 34
3.4 Der Parnasse als ‚familienähnliches‘ Gefüge von Spannungsverhältnissen 37
3.4.1 Gruppenbewusstsein vs. Heterogenität 38
3.4.2 Suggestion von Referentialität vs. Problematisierung von Mimesis 41
3.4.3 Kunsthandwerk vs. Kunstautonomie 43
3.4.4 Dichterische Virtuosität vs. Inszenierung von Wissenschaftlichkeit 44
3.4.5 Relationierung im Modus der Familienähnlichkeit 47

4 Elemente einer expliziten Poetologie des Parnasse 51
4.1 Das Parnasse-Paradox: Gibt es eine explizite Poetologie des Parnasse? 51
4.2 Der Meister spricht: Leconte de Lisles theoretische Texte 57
4.2.1 Romantische Subjektivität 60
4.2.2 Parnassische Verabschiedung der Subjektivität 63
4.2.3 Erneuerung der Dichtung mithilfe von Wissenschaft 67
4.3 Die Weltausstellung der Dichter: Théophile Gautiers poetologischer Vexiertext Rapport sur les progrès de la poésie 77
4.3.1 Situierungen: Der Text und die Weltausstellung 81
4.3.2 Text und Weltausstellung: Gegenläufigkeiten 87
4.3.3 Die Romantik als Vorgeschichte des Parnasse 92
4.3.4 Die Kippfigur zeigt sich erneut von ihrer anderen Seite 98
4.4 Coda: Catulle Mendès’ Rückkehr zur romantischen Ordnung 99

5 Parnasse und ‚Passatismus‘: Zum Motiv der Inkompatibilität von Lyrik und Wissenschaft in der Polemik der ‚Realisten‘ und Zolas gegen die zeitgenössische Lyrik 107
5.1 Eine Umfrage aus dem Todesjahr Rimbauds 107
5.2 Zum Begriff der Polemik 109
5.3 Die Vorgeschichte: Maxime Du Camp, Les Chants modernes oder Vom Kontakt mit der Wissenschaft hat nicht nur die Lyrik etwas zu gewinnen 112
5.4 Die ‚realistische‘ Attacke gegen die Lyrik: Deformation der Wirklichkeit 116
5.5 Zolas Konzept von Dichtung: Lyrik vs. Wissenschaft – Stasis vs. Dynamik 123
5.6 Vorausblick: Dichtung und Wissenschaft in der Debatte um den Naturalismus 127
5.7 Anschwellender Wutgesang: Der Verlauf der Auseinandersetzung mit den Parnassiens anhand ihrer Rezensionen 135
5.8 Melancholisches Zwischenspiel: Takt und Taktik in Zolas Bouilhet-Rezension 141
5.9 Reinen Tisch machen: Les Poètes contemporains 144
5.10 Der naturalisierte Naturalismus: Die Literatur der Republik 147

6 ‚Die Evolution der Lyrik im 19. Jahrhundert‘: Die Zuschreibung von Wissenschaftlichkeit an die parnassische Lyrik in der zeitgenössischen Kritik 151
6.1 Ein Topos und seine Gestalten 152
6.2 Paul Bourget oder Science et poésie 156
6.3 Maurice Barrès oder Elemente einer atheistischen Dichtung 166
6.4 Ferdinand Brunetière oder „La grande révolution scientifique du siècle“ 171
6.5 Fazit: Die Erfordernisse der Moderne 180

7 Formen und Funktionen des Wissenschaftsbezugs in parnassischen Gedichten 183
7.1 Vorspann: Wissenschaft in romantischen Gedichten 183
7.1.1 Victor Hugo, La comète, 1759: Der Astronom als verkanntes Genie 184
7.1.2 Alfred de Vigny, La poésie des nombres: Der Mathematiker als poetisches Genie 187
7.2 Charles Coran, A propos de la planète Leverrier: Wissenschaft als Galanterie 191
7.3 José-Maria de Heredia: Mythologie, Archäologie, Objektivität 197
7.3.1 Le Bain: Analyse der Mythologie im Zeichen der Gegenwart 200
7.3.2 La Source: Sinnstiftung aus historischem Geist und markierte Distanz 204
7.3.3 Le Récif de Corail: Vom Kamerablick zu den Lichteffekten der Sprache 208
7.4 Haeckels Korallen – Heredias Korallen: Parallelen und artistische Differenz 213
7.4.1 Haeckel und die Ästhetik 215
7.4.2 Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie von Wilhelm Bölsche als haeckel’sche Poetik 220
7.4.3 Heredia und die arabischen Korallen 229
7.5 Sully Prudhomme: Mythologische Kontinuitäten – Heroisierung der Wissenschaft und ‚Verblendung‘ der Moderne 238
7.5.1 Romantische Zweifel – Zweifel an der Romantik 244
7.5.2 Dans l’abîme: Ornamentale Verblendung der Technik 252
7.5.3 Le Lever du soleil: Ungewollte Kontinuitäten 255
7.5.4 Sonnet à Pasteur: Der wissenschaftliche Geist als neuer
Herkules 259
7.5.5 La Vénus de Milo: Die Göttin der Evolution 260
7.6 Leconte de Lisle: Technik, Biologie, Historie – menschliche Erkenntnis und parnassische Poetologie 265
7.6.1 In excelsis: Erkenntnispessimismus im Ballon 265
7.6.2 Le Lac: Poetologie via Biologie 270
7.6.3 Der Rabe der Athene: Le Corbeau als ‚historistische‘ Korrektur von Edgar Allan Poes The Raven 279

8 Epilog: Unter dem Marmor. Der Körper der Parnassiens und seine medizinalisierte Auflösung bei Baudelaire und Rimbaud 299
8.1 Kleine Ästhetik des parnassischen Körpers 300
8.1.1 Leconte de Lisle, Vénus de Milo oder Der Marmor beginnt zu laufen 303
8.1.2 Charles Coran, Essais de peinture oder Der Wille zum Marmor, aber das Fleisch ist stark 306
8.1.3 Leconte de Lisle, Niobé oder Metamorphose zur Statue 309
8.1.4 José-Maria de Heredia, Sur un marbre brisé oder Dichterisch wiedergefundene Einheit 311
8.2 Der vergängliche Körper der Modernen 313
8.2.1 Arthur Rimbauds Diagnose der Vénus anadyomène 314
8.2.2 Baudelaire, Une Charogne oder Die Verewigung der Zersetzung 320
8.2.3 Das Kunstwerk als sterblicher Organismus 329

9 Schluss – Zusammenfassung 333

10 Bibliographie 340
10.1 Primärtexte 340
10.2 Sekundärliteratur 346

11 Namenregister 359


Anmerkungen

keine

Ersteller des Eintrags
Henning Hufnagel
Erstellungsdatum
Freitag, 27. Oktober 2017, 08:21 Uhr
Letzte Änderung
Samstag, 28. Oktober 2017, 15:36 Uhr