Literatur als Herausforderung (Veranstaltungsprojekt)

Zwischen ästhetischem Autonomiestreben, kontextueller Fremdbestimmung und dem Gestaltungsanspruch gesellschaftlicher Zukunft


Allgemeine Angaben

Projektbeginn
Sonntag, 22. September 2013
Projektende
Mittwoch, 25. September 2013
Status
abgeschlossen
Weiterführender Link
www.romanistentag.de
Thematik nach Sprachen
Sprachübergreifend, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Französisch
Disziplin(en)
Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Literatur und Wissensdiskurse, Literaturtheorie, Avantgarde, Symbolismus, Naturalismus, Repragmatisierung, Ideologie, Engagement, Text und Kontext, Autonomieästhetik

Aktiv beteiligte Person(en)

(z.B. Kooperation, Mitarbeiter, Fellows)

Henning Hufnagel Kai Nonnenmacher Barbara Ventarola


Exposé

Literatur als Herausforderung
Zwischen ästhetischem Autonomiestreben, kontextueller Fremdbestimmung und dem Gestaltungsanspruch gesellschaftlicher Zukunft

Literaturwiss. Sektion beim XXXIII. Deutschen Romanistentag „Romanistik – Herausforderungen und Chancen“, Würzburg 2013

Dr. Henning Hufnagel (Freiburg, henning.hufnagel@frias.uni-freiburg.de)
PD Dr. Kai Nonnenmacher (Regensburg, kai.nonnenmacher@ur.de)
Dr. Barbara Ventarola (Würzburg, bventaro@uni-wuerzburg.de)

Sektionsbeiträge

I Naturalismus vs. Symbolismus?

  • Susanne Greilich, Gegen die Vorschriften und für die Nation – Juan Valera und der spanische Roman der Restaurationszeit
  • Kirsten von Hagen, „Entre naturalismo y espiritualismo“: Erzähltexte von Leopoldo Alas (Clarín)
  • Matthias Hausmann, Der Himmel als Werbefläche: Auguste Villiers de l’Isle-Adam und die Herausforderung durch Fortschrittseuphorie und Positivismus
  • Henning Hufnagel, Parnasse und Polemik. Zolas Herausforderung der Lyrik
  • Stephanie Lang, Gegen den Strich der Dekadenz? – Inversion und Brechung dekadenter Topik bei Eça de Queiroz und Rusiñol
  • Helmut Meter, Weder autonom noch fremdbestimmt. Die Literatur als anthropologische Kategorie bei G. Verga und A. Camus
  • Dominique Millet-Gérard, Réalisme ou idéalisme ? La réaction générique de Claudel et Bernanos
  • Barbara Ventarola, Poetische Narrativität zwischen dem Eigenen und dem Fremden – Der hispano-amerikanische Modernismo als doppelte Herausforderung
  • André Weber, Maupassant und der Symbolismus. Die Erörterung einer ‚aisthetischen‘ Herausforderung in La nuit (1890)

II Avantgarden zwischen Autonomie und Engagement

  • Wolfgang Asholt, Herausforderung oder Wiederholung? Sind Avantgarden heute noch nötig / möglich?
  • Jasmin Marjam Rezai Dubiel, Das absurde Theater Fernando Arrabals zwischen kritischem Engagement und groteskem Eskapismus
  • Susanne Knaller, Widerständiger Realismus. Anmerkungen zu den Avantgarden
  • Markus Messling, Marinetti und Breton. Ästhetik und Philosophie des Lebens, oder über Sinn und Erleben
  • Olaf Müller, Avantgarde und Neoavantgarde zwischen Autonomie und Engagement: Edoardo Sanguinetis Edition von Gian Pietro Lucinis Revolverate
  • Susanne Zepp, Zur Generación del 27 oder zu den lateinamerikanischen Avantgarden

III Literarische Autonomie – ein Thema der Literaturwissenschaft heute?

  • Thomas Klinkert, Semiotische Überlegungen zur Autonomie des Ästhetischen
  • Ingo Lauggas, Ästhetische Autonomie und politisches Engagement – ein Widerspruch?
  • Franziska Meier, Zwischen hermeneutischem Strukturalismus und historischen Kontexten. Überlegungen zu einer Literatur-Geschichte
  • Kai Nonnenmacher, Geistespolitik oder Textimmanenz: Autonomie vor und nach 1945
  • Christiane Solte-Gresser, Literatur Denken Erzählen: Wechselseitige Herausforderungen zwischen Literatur und Literaturtheorie

Exposé

Literatur fordert heraus: zuallererst ihre Rezipienten, mit literarischen Texten einen Umgang, wenn nicht gar Sinn in diesen Texten zu finden. Aber auch ihre Produzenten fordert sie heraus, literarisches Schreiben gegenüber anderen – etwa wissenschaftlichen – Schreibweisen zu praktizieren. Andererseits wird Literatur herausgefordert, in ihrem Aussage- und Geltungsanspruch, in ihrem Form- und Sinnangebot. Die Sektion nimmt diese Herausforderungen der Literatur im doppelten Sinne in den Blick. Sie fokussiert das Wechselspiel zwischen ästhetischem Autonomiestreben und kontextueller Fremdbestimmung der Literatur insbesondere anhand des immer wieder erhobenen Anspruchs von Literatur, als Literatur gesellschaftliche Zukunft zu entwickeln und zu gestalten.

Die Sektion konzentriert sich auf die Zeitspanne zwischen 1860 und 1950, da hier – ausgehend von den französischen Debatten (vor allem zwischen Naturalisten und Symbolisten) – in allen Literaturen der Romania die aufgeworfenen Probleme besonders intensiv diskutiert, in Ansätzen auch theoretisiert und in unterschiedlichsten Zuordnungsmöglichkeiten versuchsweise gelöst werden. Besonderes Interesse gilt dementsprechend der Frage, wie sich die verschiedenen zeitgenössischen Literaturströmungen mit ihren Lösungsangeboten zueinander und zu den französischen Diskussionen stellen. Darüber hinaus soll die Sektion auch Blicke auf die Gegenwart werfen. Schließlich würden Schlaglichter auf die Problematik aus der Warte anderer künstlerischer Medien begrüßt.

Die Sektionsarbeit soll sich anhand dreier Themenkomplexe entfalten:

1. NATURALISMUS VS. SYMBOLISMUS?
Der erste gilt der von nicht selten programmatischen Frontstellungen gekennzeichneten Situation der Literatur in den Jahrzehnten nach 1860. Der Naturalismus verzahnt programmatisch Literatur und (Natur-)Wissenschaft. Wie nehmen die Symbolisten die Herausforderung an, dagegen die Autonomie von Literatur bis hin zu einer poésie pure zu verteidigen? Wie reagieren die Naturalisten ihrerseits auf Bestrebungen, nur eine von Kontextuellem gereinigte Literatur als Literatur anzusehen? Welches wären Text- und Denkfiguren, in denen sich beide Strömungen produktiv begegnen? Und welche (möglicherweise alternativen) Zuordnungen nehmen die zeitgenössischen Literaturströmungen anderer romanischer Länder vor? Die Betrachtung zielt besonders auf die Verschiebungen in den Diskurs- und Gattungssystemen, die sich durch diese Kämpfe um die Diskurshoheit über die Literatur ergeben.

2. AVANTGARDEN ZWISCHEN AUTONOMIE UND ENGAGEMENT
Der zweite Komplex stellt die Herausforderung der Avantgarden an die Institution Literatur zentral, Kunst‘ und Leben ineins zu setzen und die verschiedenen Pole, die der Titel der Sektion benennt, wechselseitig zu neutralisieren bzw. in ein Kontinuum zu transformieren. Manche Avantgarden gehen weiter, verneinen den Autonomie-Pol zugunsten des Lebens und stellen Literatur in den Dienst einer politischen Ideologie: Wie reflektieren und rechtfertigen die Autoren ein solches Engagement? Was bedeutet eigentlich eine Ideologisierung von Literatur? Wo und wie werden andere, weniger radikal-oppositive Zuordnungen von Ästhetik und Engagement entwickelt? Kann eine solche Literatur auch nach dem ‚Tod‘ der Ideologien noch von anderem als historischem Interesse sein? Und wie lassen sich solche Reflexionen für den Umgang mit den aktuell durchaus zu beobachtenden Tendenzen einer Reideologisierung und Repragmatisierung von Kunst und Wissenschaft fruchtbar machen?

3. LITERARISCHE AUTONOMIEEIN THEMA DER LITERATURWISSENSCHAFT HEUTE?
Schließlich soll das Thema der Sektion selbstreflexiv auf die Arbeit der Literaturwissenschaft angewandt werden: Wie geht die Literaturwissenschaft mit der Herausforderung einer sich autonom setzenden Literatur um? Droht, gerade heute, in der literaturwissenschaftlichen Arbeit der literarische Text in der Betrachtung allzu oft zugunsten seiner Kontextualisierung unterbelichtet zu bleiben? Inwiefern werden z.B. in Theorieansätzen wie der postkolonialen oder der Gender-Theorie Texte in ihrer literarischen Qualität ernst genommen? Bleiben die Texte dort vielleicht allzu häufig Jetons in einem Spiel, das um Politikersatz kreist? Ist umgekehrt die autonomieästhetisch inspirierte Ausblendung entsprechender Fragestellungen wirklich eine gangbare Zukunftsoption? Und wie ließen sich die benannten Probleme beheben? Welche Möglichkeiten scheinen erfolgversprechend, um die ‚engagierten‘ Fragestellungen mit der Betrachtung eines ästhetischen Eigenwerts der Literatur zu verbinden?


Anmerkungen

Literaturwiss. Sektion beim XXXIII. Romanistentag des Deutschen Romanistenverbandes an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg unter dem Rahmenthema “Romanistik – Herausforderungen und Chancen”.

Ersteller des Eintrags
Kai Nonnenmacher
Erstellungsdatum
Montag, 15. April 2013, 11:46 Uhr
Letzte Änderung
Montag, 15. April 2013, 11:46 Uhr