Dr. Robert Lukenda

Sprachen
Italienisch Französisch
Fachgebiete
Literaturwissenschaft Medien-/Kulturwissenschaft
Forschungsfelder
Erinnerungsorte italienisches Nationbuilding panoramatische Literatur 19.-21. Jh. soziale Physiologien französische Literatur des 19. Jh.
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Postdoc- Projekt: „Le roman vrai de la société d’aujourd’hui“ – kollektive Formen des Gesellschaftsporträts in Frankreich zwischen Literatur, Historiographie und Sozialwissenschaften (19.-21. Jh.)

Wie lässt sich Gesellschaft adäquat darstellen und analysieren? Diese Frage beschäftigte schon die wissenschaftlichen und literarischen Milieus des 19. Jahrhunderts. Nicht zuletzt in Frankreich avancierte das Problem der Darstellbarkeit der modernen Industriegesellschaft zum programmatischen Leitmotiv von Autoren wie Balzac und Zola, die mit ihren Romanzyklen emblematische Formen einer soziologisch inspirierten, umfassenden Gesellschaftsanalyse geprägt haben. Faktoren wie Industrialisierung, massenmediale Neuerungen und die zunehmende Etablierung der Sozialwissenschaften führten jedoch nicht nur zur Entstehung des realistischen Gesellschafts- oder Sittenromans, sondern brachten eine Reihe von bisher in der Literaturwissenschaft kaum beachteten innovativen Projekten der Gesellschaftsbeobachtung hervor. Diese Werke der sogenannten panoramatischen Literatur (W. Benjamin) wie Les Français peints par eux-mêmes (1840-42) oder Paris, ou le livre des cent-et-un (1831-34), an denen bedeutende Schriftsteller wie Balzac, aber auch Journalisten, Künstler sowie Wissenschaftler und Karikaturisten mitwirkten, verstanden sich als moralische Enzyklopädien ihrer Zeit: Im Zusammenspiel verschiedener Wissenskulturen (Literatur, Soziologie, Bildende Kunst etc.), Medien (Text, Bild), Schreibweisen und Gattungen (Essay, Reportage etc.) entstand ein umfangreiches Porträt der französischen Gesellschaft. Als zutiefst hybride narrative Formen, die im Überschneidungsfeld von Literatur und Sozialwissenschaft agieren und wissenschaftlichen Anspruch mit Unterhaltungsfunktionen verbinden, stehen diese „belletristischen Kollektivarbeiten“ (I. Kranz) symptomatisch für den Verlust eines klar erkennbaren Erzählzusammenhangs und das Aufkommen multiperspektiver Verfahren. In ihrer arbeitsteiligen Erzählweise entsprechen sie prototypisch der ökonomisch und sozial ausdifferenzierten Gesellschaft im 19. Jahrhundert.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten, so scheint es, erleben diese Projekte und Medien einer „anderen“ bzw. alternativen Sozialgeschichtsschreibung ein ungeahntes Revival: So werden etwa die panoramatischen Werke des 19. Jahrhunderts, in denen sich die französische Gesellschaft selbst beobachtete, vielfach neu aufgelegt bzw. adaptiert. Die Wiederbelebungsversuche dieser französischen Tradition zeugen von einer „fièvre d’autoanalyse“ (Pierre Rosanvallon), die die französische Gesellschaft angesichts zunehmender sozialer, identitärer und politischer Zerfallserscheinungen seit den 1980er Jahren regelmäßig in Atem hält. Wie nicht zuletzt Bourdieus Sozialstudie La misère du monde (1993) gezeigt hat, wird etwa der Literatur auf der Suche nach neuen, zeitgemäßen Formen der Gesellschaftsdarstellung und -analyse wieder verstärkt ein sozialepistemologisches und kohäsionsstiftendes Potential zugeschrieben. Gerade in Frankreich, das im 19. Jahrhundert in Sachen kollektiver Erinnerungskultur und nationaler Identitätspolitik europaweit Vorbild war und das im ausgehenden 20. Jahrhundert besonders unter dem Verblassen nationaler Bindungskraft zu kämpfen hatte, sind seit den 1980er Jahren immer wieder innovative, groß angelegte literarische Versuche zur Analyse des kollektiven Selbstbildes unternommen worden, die z.T. über die Grenzen Europas hinaus Nachahmer fanden (s. Pierre Nora, Les lieux de mémoire, Paris 1997). Im Jahr 2013 rief der bekannte Historiker und Demokratieforscher Pierre Rosanvallon das Literaturprojekt Raconter la vie ins Leben, das „gewöhnlichen“ Franzosen die Möglichkeit bietet, aus ihrem Alltagsleben zu berichten und vom Leben anderer zu erfahren. Was hier letztendlich mosaiksteinartig in unzähligen récits und petits livres entsteht, ist ein gleichermaßen literarisch wie soziologisch inspiriertes, polyphones soziales Fresko, das – durchaus in Anlehnung an die panoramatischen Literaturprojekte des 19. Jahrhunderts oder literarisch-soziologische Unternehmungen wie das amerikanische Federal Writers Project der 1930er Jahre – den Anspruch erhebt, die soziale Realität Frankreichs abzubilden und damit den „roman vrai de la société d’aujourd’hui“ (raconterlavie.fr) zu verkörpern.

Das hier skizzierte Forschungsvorhaben verfolgt im Wesentlichen zwei Ziele: Zum einen liefert es eine erste wissenschaftliche Bestandsaufnahme aktueller, hybrider Formen des Gesellschaftsporträts wie Raconter la vie. Zum anderen möchte es diese Analyse in einer historisch übergreifenden Perspektive bis in das 19. Jahrhundert ausweiten und damit eine kaum erforschte Tradition der kollektiven „Selbstreflexion“ (Ulrich Bielefeld) Frankreichs sichtbar machen. Dabei orientiert sich die Untersuchung an der folgenden Leitfrage: Welche medialen, narrativen und epistemologischen Strategien nutzt die französische Gesellschaft gegenwärtig zur kollektiven Selbstdarstellung und -reflexion? Welche Techniken nutzt sie (auch historisch betrachtet), um sich zu hinterfragen, Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und Wissen über sich zu generieren?

Position
Wiss. Mitarbeiter
Hochschule / Institution
Universität des Saarlandes/ Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Adresse
Deutschland
E-Mail-Adresse
lukenda@uni-mainz.de
Webseite
http://www.staff.uni-mainz.de/lukenda/
Status bei romanistik.de
Mitglied
Erstellungsdatum
Freitag, 04. Mai 2012, 16:44 Uhr
Letzte Änderung
Donnerstag, 02. Juni 2016, 17:07 Uhr