32. Forum Junge Romanistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg vom 16.-19. März 2016

Tagungsplakat

Call for Papers – „Zentrum und Peripherie“

Das Begriffspaar ‘Zentrum’ und ‘Peripherie’ steht bereits seit längerem im Mittelpunkt einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Theorien und Schulen, welche die Forschungen im Bereich der Romanistik erheblich beeinflusst haben. Neben den einzeldisziplinären Anknüpfungspunkten in der Forschung sind diese unterschiedlichen Perspektivierungen im aktuellen Diskurs besonders relevant, wenn man die Begriffe auf das Selbstverständnis einer traditionellen und eurozentristisch ausgelegten Romanistik anwendet. Hierbei sind v.a. die Arbeiten im Bereich des Postkolonialismus, der Kreolistik oder etwa den Digital Humanities zu erwähnen, die scheinbar Fachgrenzen verschieben. Während des Kolloquiums soll daher neben den wissenschaftlichen Fragestellungen auch immer selbstreflexiv über das eigene Verständnis als Romanistin bzw. Romanist und die Zukunft des Fachs diskutiert werden.

Sprachwissenschaft
‘Zentrum’ und ‘Peripherie’ sind zwei Begriffe, die zunächst in diachroner Perspektive für die romanistische Sprachwissenschaft bedeutsam sind. Im römischen Reich war die geographische und dadurch auch die sprachliche Entfernung zum Zentrum und dessen Varietät ein wichtiger Faktor zur Ausgliederung der romanischen Sprachen. Auch synchron lassen sich auf verschiedenen linguistischen Ebenen vielfältige Ansatzpunkte für aktuelle Forschungsfragen finden:
Wie gestaltet sich beispielsweise in der Phonetik/Phonologie das Verhältnis von den zentralen Phonemen einer Sprache und den jeweiligen Allophonen? Wie verhalten sich Aussprachevarianten diatopischer, diastratischer und diaphasischer Natur auf der Ebene der parole zur Norm? Welche Rolle spielen Zentrum und Peripherie bei der Beschreibung von Silbenstrukturen?
Innerhalb der Morphologie können die Begriffe zur Beschreibung von Derivations- und Wortbildungsprozessen herangezogen werden: Wurzel und Stamm bilden gegenüber den peripheren Affixen sozusagen das Zentrum der Konstituentenstruktur. Auch hinsichtlich der Produktivität einzelner Wortbildungsverfahren lassen sich zentralere und Strukturen mit marginalerer Bedeutung herausfiltern.
Im Bereich der Lexikologie/Semantik findet sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten, wenn man die Bedeutungskonstitution von lexikalischen Einheiten betrachtet. Dazu gehört beispielsweise die zentrale Denotation im Vergleich zu den häufig eher peripheren Konnotationen. Eine wichtige Rolle spielen die beiden Begriffe auch in der Prototypensemantik: Welche Merkmale sind zentral, welche eher peripher? Was definiert den Prototyp im Zentrum? Die „zentralen“ Einheiten des Wortschatzes bilden zudem das Kernstück bei der Erstellung von Wörter- und Lehrbüchern. Hierbei stellt sich immer wieder die Frage, in welchem Verhältnis die zentrale lexikalische Bedeutung zu ihren diasystematischen Varianten steht.
In der Grammatik ergeben sich verschiedene syntaktische Fragestellungen in Bezug auf das Zentrum des Satzes bzw. dessen Peripherie (Dislokationen, Attributionen, linker/rechter Satzrand etc.). Wie wird das Satzzentrum in den einzelnen Syntaxtheorien definiert? Wie lässt sich der Aufbau von Wortgruppen mit Hilfe der Begriffe Zentrum und Peripherie sinnvoll beschreiben?
Auch in der Varietätenlinguistik erweisen sich die Bezeichnungen ‘Zentrum’ und ‘Peripherie’ als hilfreich: sowohl bei der Beschreibung von plurizentrischen Sprachen, wie etwa dem Spanischen, als auch beim Vergleich von ländlichen gegenüber städtischen Idiomen können die Begriffe herangezogen werden.

Literatur- und Kulturwissenschaft
In den Literatur- und Kulturwissenschaften ist das Begriffspaar ‘Zentrum’ und ‘Peripherie’ vor allem seit der Wendung hin zu den postcolonial studies nicht mehr wegzudenken. Die Frage nach einem kulturellen Zentrum, als welches lange die europäische Kultur galt, und damit verbunden der Blick auf ehemalige Kolonien als Peripherie, wurde eindeutig hinterfragt. Doch wie genau manifestiert sich dies in Literatur und Film? Wann und wo wird eine Grenzverschiebung oder auch ein Aufweichen der Grenzen im Sinne der Transkulturalität deutlich?
Des Weiteren scheint sich die Grenze zwischen engem und weitem Literaturbegriff aktuell zunehmend zu verschieben: Sind Comics, TV-Serien und Neue Medien in Bezug auf literaturwissenschaftliche Genres und Gattungen als peripher zu betrachten oder sollten diese in das Zentrum der (Literatur-)Wissenschaft gerückt werden?
Im Hinblick auf Raumkonstruktionen gilt es zu untersuchen, wie sich Zentrum und Peripherie transkontinental, transnational, jedoch auch regional darstellen. Wie wird etwa die Stadt als Zentrum dargestellt, wie das Hinterland bzw. die Provinz? Besonders Reiseliteratur liefert eine interessante Analysegrundlage: Wie nimmt der Reisende die Grenzüberschreitung von Zentrum zu Peripherie und vice versa wahr? Geht mit der Reise gleichfalls eine Verschiebung der Grenzen einher?
Die Frage nach der Bedeutung von Zentrum und Peripherie für Identitätskonstruktionen ist in diesem Kontext unvermeidbar. Wie verändert sich das an das Zentrum gebundene „Eigene“ in Kontakt mit dem bislang als peripher wahrgenommenen „Anderen“? Wie definiert sich das „Eigene“ in diesem Kontext überhaupt? Wie manifestiert sich das Othering?
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Genderbeziehungen? Wie verhält sich das jeweilige Geschlecht in Konfrontation mit dem anderen? Inwiefern wird dies als mehr oder weniger peripher wahrgenommen, v.a. wenn binäre Geschlechteroppositionen aufgehoben werden, wie im Fall von Tomboys oder Hermaphroditen?
Auch wird die Frage aufgeworfen, wie im Kontext des Posthumanismus das Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. virtueller Realität neu verhandelt wird. Welches Verhältnis von Mensch und Maschine wird in science fiction-Romanen und -Filmen ersichtlich? Wie dringt die Maschine von der Peripherie in das Zentrum des Menschen und schließlich in den Menschen selbst ein?

Folgende Anknüpfungspunkte sind möglich:
- Eurozentristische Perspektiven in Literatur und Film
- Der Blick von der (indigenen) Peripherie auf das Zentrum
- Die Verschiebung der Grenzen von Zentrum und Peripherie
- Enger und erweiterter Literaturbegriff
- Stadtbegriffe und „Hinterlandromane“, Pittoreske Peripheriebeschreibungen
- Selbst- und Fremdwahrnehmung, Identität
- Gender Studies
- Science fiction, Posthumanismus

Didaktik
Innerhalb der Fachdidaktik lässt sich ganz allgemein die Frage stellen, welche (noch) peripheren Themen des Lehrplans mehr in das Zentrum des Unterrichts beim Erlernen romanischer Fremdsprachen gerückt werden sollten. Werden im Fremdsprachenunterricht tatsächlich neben den kognitiven Komponenten im Kontext des ganzheitlichen Lernens nach Pestalozzi auch die pragmatischen und affektiven genügend berücksichtigt? Im Rahmen des Interkulturellen Lernens sollen diese Komponenten zwar integriert werden, jedoch stellt sich hier die Frage der Leistungsbewertbarkeit.
Welche Rolle spielen vor dem Hintergrund des ganzheitlichen Lernens Kommunikationsstrategien? Durch mündliche Leistungserhebungen werden mittlerweile auch diese verstärkt berücksichtigt, jedoch erscheint es im modernen Fremdsprachenunterricht mitunter widersprüchlich, wenn im Bereich der kommunikativen Fertigkeiten ein niedrigeres Niveau zum Ende der Schullaufbahn eingefordert wird als im Leseverstehen, wie es etwa der bayrische Lehrplan vorsieht.
Wie ist hierbei eine oft in der Praxis noch realisierte Zentrierung des Unterrichts auf Grammatik bzw. Wortschatz zu bewerten? Sollten informelle bzw. nähesprachliche Kommunikationssituationen im Unterricht mehr Berücksichtigung finden? Hierzu zählten etwa die Vermittlung von nonverbaler Kommunikation, wie dem Einsatz von Gestik und Mimik, jedoch auch von diaphasisch markiertem Vokabular bzw. einer stilistisch differenzierten Betrachtungsweise im Bereich der Syntax. Hierbei könnte anhand von Lehrwerksanalysen eine Bestandsaufnahme der Vermittlung solcher Merkmale erfolgen.
Im Zentrum des modernen Fremdsprachenunterrichts stehen (idealerweise) die Schülerinnen und Schüler, doch welche Rolle nehmen lehrerzentrierte Arbeitsphasen innerhalb des Unterrichts ein? Wie wird in diesem Zusammenhang deduktives Vorgehen bei der Vermittlung von Inhalten und Sprachfertigkeit bewertet? Inwiefern ist dies mit konstruktivistischen Spracherwerbstheorien vereinbar bzw. mit Stephen Krashens Input-Hypothese? Weitere Anknüpfungspunkte könnte die Gestaltung von Unterrichtssequenzen liefern, bei denen die Lehrperson nicht im Mittelpunkt des Vermittlungsprozesses steht, oder etwa auch die Beschreibung von Hirnarealen, die für das Sprachlernen relevant sind.

Romanistinnen und Romanisten, die an einem Vortrag (20min Vortrag + 10min Diskussion) interessiert sind, werden gebeten, ihr Abstract (max. eine DIN A4-Seite) bis zum 31. Dezember 2015 unter folgender Adresse einzureichen: fjr2016@uni-wuerzburg.de

Das Organisationsteam (Julien Bobineau, Julius Goldmann, Stefanie Goldschmitt, Robert Hesselbach, Gabriella Lambrecht)