Stadt: Zürich, Schweiz

Frist: 2016-12-31

Beginn: 2017-10-08

Ende: 2017-10-12

URL: http://www.romanistentag.de/index.php?id=1936

Migration wird gemeinhin in der aktuellen deutschen Diskussion vorrangig mit Flüchtlingen in Verbindung gebracht. Der Begriff des „Flüchtlings“ wurde von der Deutschen Gesellschaft für Sprache zum Wort des Jahres 2015 gewählt, und zwar aufgrund des sprachlichen Interesses an dem (nicht unumstrittenen) Begriff. Während schon der deutsche Begriff „Flüchtling“ vielerlei Assoziationen weckt und sich zwar juristisch, historisch jedoch nur unscharf abgrenzen lässt von Termini wie „Vertriebene®“ oder „Asylbewerber“, ist eine Diskussion über den politisch korrekten Umgang mit der Bezeichnung bereits im Gange und lässt sich auch an der nicht nur im deutschsprachigen Raum verbreiteten Nutzung des englischen „refugee“ ablesen. Hingegen operiert die Romania mit völlig unterschiedlichen Konzepten, die auch vor dem kulturellen und historischen Hintergrund jeweils spezifisch auszudifferenzieren und in ihrer Kontaktwirkung gerade für Sprachgrenzräume zu untersuchen wären.
Absicht der Sektion ist es, sowohl trennscharf die Etymologie, die Semantik und die pragmatische Verwendung dieser Begriffe rund um den Terminus „Migration“ in der Romania sprach- und kulturhistorisch zu klären, als auch der Aktualität des Themas durch eine Beobachtung des Diskurses in der öffentlichen Berichterstattung und Diskussion Rechnung zu tragen. Die drei Stränge der Thematik (Begriffsgeschichte, Begriffsgebrauch, Diskursanalyse) sind insbesondere am Beispiel von journalistischen, juridischen, aber auch literarischen Texten und kulturellen Artefakten aus der Romania zu belegen und können gerade im Zuge der Digital Humanities mit neuen quantitativen und qualitativen Methoden eruiert werden. Soziale Netzwerke und Internetforen rücken dabei ebenfalls in den Fokus.
Dabei spielen kulturhistorisch und zeitgeschichtlich zum einen administrative und juristische Dokumente, politische Entscheidungen und Konzeptionen sowie die Praxis von Integration und Interkulturalität eine wichtige Rolle. Die Romania bietet hierfür historische Beispiele des Umgangs mit Flüchtlingen und der positiven Aufnahme, z.B. die Idee des Mosaiks der Kulturen in Québec oder die Integration insbesondere osteuropäischer Zuwanderer im Frankreich der 1930er Jahre, wo der Begriff des Flüchtlings historisch mit der Zeit der Reformation und der Révocation des Édit de Nantes verbunden ist. Das Beispiel Südamerika nuanciert wiederum nicht nur durch die Aufnahme von Opfern wie Tätern des Faschismus dieses Bild, sondern kennt auch Binnenmigration durch (Land-)Flucht und Vertreibung und ganz aktuell den Zuwanderungsstrom in Richtung USA. Aktuell ist der Umgang Spaniens mit Ceuta und Melilla ebenso zu beleuchten wie Italiens Mission im Mittelmeer (Stichwort Lampedusa). All diese historischen wie zeitgenössischen Beispielen gilt es aber aus dem Blickwinkel der Romania und ihrer Rezeption in Deutschland darzustellen und zu hinterfragen.
Ratgeber und Handbücher wie der von Massimo Livi Bacci Storia minima della popolazione del mondo (2005) florieren neuaufgelegt auch in der Romania; Sprachhistoriker erinnern an die Reformationszeit als Beginn der Idee des Flüchtens (Bernard Cottret). Künstlerische Auseinandersetzungen konturieren das Bild: Von Manu Chaos Clandestino (1998) bis zu Marco Chiavistrelli und Paco Damas wird eine Tradition der Auseinandersetzung mit dem Thema „Flucht“ im Lied und Chanson wieder aufgegriffen. Kunstinstallationen und -aktionen von Claire Tabouret oder dem mauritanischen Künstler Alpha lenken das Augenmerk auf die eben auch in den romanischen Ländern virulent gewordene Thematik. Autobiographisch inspirierte Romane wie Fabio Gedas Nel mare ci sono i cocodrilli bzw. Moi, Gulwali oder kollektive Solidarisierungen mit Flüchtlingen in Frankreich (u.a. Eux, c‘est nous; Bienvenue) arbeiten für Kinder die Thematik auf. Inwieweit also Flüchtlinge Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart sprachlich und kulturell verändert haben und dieser Prozess auch reflektiert wird und wurde, gilt es an geeigneten Beispielen herauszuarbeiten.
Auf der anderen Seite gilt es den Blick auf die Rezeption der europäischen „Flüchtlingskrise“ in der Romania zu richten und den sprachlichen Gebrauch bei der Berichterstattung über Deutschland und die Krisengipfel zu analysieren bzw. den diesbezüglichen Wandel herauszustellen. Der Dialog zwischen der Romania und Deutschland, insbesondere auch vor dem Hintergrund von Solidaritätsbekundungen und unterschiedlichen Konzepten und Erfahrungen der Integration erscheint zunächst von deutscher Seite als sehr beschränkt, Anregungen aus der Romania werden nur ganz selten aufgegriffen, über einschlägige Erfahrungen der Integration (Stichwort Banlieue) wird nicht gesprochen, allenthalben ex negativo (Stichwort Brüssel). Man blickt wechselseitig mit dem eigenen eingeschränkten Blick auf den anderen, was Aktionen im Rahmen der Protestbewegungen in Frankreich im Frühjahr 2016, die auf die Vorbildwirkung Deutschlands verweisen, genauso zeigen wie die jahrelange Ignoranz des Schicksals der Clandestini auf Lampedusa. Forschungsarbeiten insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum (Laura Morales; Projekt ResponsiveGov der Universität Leicester) werden nur peripher wahrgenommen. Romanistische Pionierstudien etwa zur Kreolsprache und Kreolisierung bzw. zum Maghreb und der arabisch-romanischen Interkulturalität müssten viel mehr in die öffentliche Diskussion einfließen. Allerdings finden sich in der Auseinandersetzung wiederum auch prominente theoretische Konzepte der Romania (Agambens Konzept des Lagers, Foucaults Idee der Biopolitik oder sein Anti-Humanismus) und impulsgebende Projekte (z.B. der Immigration Citizens Survey der King Baudouin Foundation Brüssel).
Zuletzt gilt es die Orte der Darstellung genauer zu beleuchten: Flucht ist mit Aufbruch, Reise und Ankunft verbunden, hinzu gesellen sich die verschiedenen Phasen der Integration (Spracherwerb, Arbeitsmarkt, Familiennachzug). Außerdem ist die Narration des Erlebten, die Verarbeitung und Selbstdarstellung ein wesentliches Moment, das zur Thematik der Präsenz von Flüchtlingen in der Öffentlichkeit schließlich zurückführt und mitunter eine Wiederholung des bereits Bekannten darstellen kann (Vgl. Goytisolos Fiestas, Georges-Arthur Goldschmidt etc.). Die Eingrenzung und damit Definition von Flucht bzw. die Aufdauerstellung des Status des Flüchtlingseins, nachzuspüren in Ego-Dokumenten und Biographien, kann dabei in romanischen Ländern mit entsprechenden Vorerfahrungen ganz andere Qualität gewinnen, wobei insbesondere der Übergang von der Flüchtlingsgruppe hin zu einer Minderheit von Immigranten als Teil einer multikulturellen Gesellschaft untersucht werden muss (vom Immigranten über den Beur zum citoyen?). Dafür lassen sich auch Querverbindungen zur Integration italienischer Emigranten gestern oder mexikanischer Auswanderer heute herstellen, deren Narrativ gerade auch sehr eng mit der Identifikation des Geflüchteten zu tun hat.
Die Sektion möchte das aktuelle Thema, auf der Basis jüngst erschienener bzw. angekündigter Literatur, insbesondere auch innovativ angehen und lädt dazu ein, auch geeignete Darstellungsmethoden zu wählen. Insbesondere interaktive und medial gestützte Vorträge sind gewünscht, die auch den Flüchtenden in der Romania und der Romanistik eine Stimme verleihen. Eine Reflektion der sprachlichen Realisierung der Sektion ist ebenso angedacht, um den Diskurs über das Flüchten selbst zu diskursivieren. An die Stelle eines Tagungsbandes soll eine tagesaktuelle Veröffentlichung der Projektarbeit im Internet treten.

Anmeldung mit Vortragsvorschlag bis zum 31.12.2016.

Kontakt
Prof. Dr. Maria Lieber, Institut für Romanistik, TU Dresden, maria.lieber@tu-dresden.de
PD Dr. Christoph Mayer, Institut für Romanistik, TU Dresden, christoph.mayer@mailbox.tu-dresden.de

Beitrag von: Rebecca Schreiber

Redaktion: Marcel Schmitt