Stadt: Osnabrück

Frist: 2018-01-15

Beginn: 2018-09-26

Ende: 2018-09-29

URL: http://www.francoromanistes.de/frankoromanistentag/osnabrueck-2018/

Sektion im Rahmen des kulturwissenschaftlichen Programms des 11. Kongresses des Frankoromanistenverbands

Ziel der transversal konzipierten Sektion ist es, Michail Bachtins Theorie des Chronotopos speziell fruchtbar zu machen im Bereich der poetischen und (alltags-)kulturellen Repräsentationen von Kriegsräumen im weitesten Sinne, also geographischen Räumen, deren Dynamik unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt oder deren Gestaltung maßgeblich vom Krieg beeinflusst wird bzw. wurde. Bachtins Theorie soll in zweierlei Hinsicht ausgeweitet und fruchtbar gemacht werden. Zum einen sollen die Vorträge der Sektion nicht auf erzählende und dramatische Texte (Literatur und Film) beschränkt sein, sondern können sich auch auf Lyrik beziehen. Zum anderen soll der Blick explizit auch auf unterschiedliche (alltags-)kulturelle Formen chronotopischer (Re-)Präsentationen des Ersten Weltkrieges geworfen werden.
Schlachtfelder, Schützengräben, Lazarette, Kriegsgefangenenlager und die jeweiligen Heimatfronten sind die zentralen Räume des Krieges. Doch jeder Krieg produziert in Abhängigkeit seiner zeitlich-historischen wie geographischen Verortung seine ganz spezifischen Räume sowohl an der Kriegs- als auch der Heimatfront. Geo- und topographische sowie infrastrukturelle Gegebenheiten, Kriegsführung und Kriegsverlauf führen zur Herausbildung von Räumen und Orten, die für jeden Krieg charakteristisch sind. Zu diesen zählen auch die durch Kriegspropaganda u.ä. konstituierten ‚ideologischen‘ Räume, wie die Heimat als wehrhafte soziale Organisation oder die Nation im Glauben an ihre selbstgesteckten Ziele.
Im Falle des Ersten Weltkrieges lässt der Stellungskrieg etwa den Schützengraben zu einem existenziellen (Kriegs-)Raum mit ganz eigenen Regeln werden. Der Luft- und Gaskrieg seinerseits verwandelt als erstes verheerendes Beispiel ökologischer Kriegsführung ganze Regionen in ‚Mondlandschaften‘. Die Schlachtfelder mit ihren zerstörten Landschaften sowie die zerbombten Städte der Heimatfront(en) ließen eine beispielslose Topografie des Todes und Grauens entstehen, deren Spuren selbst heute noch sichtbar sind. Neben der Front sind Lazarette und Kriegsgefangenenlager besondere (Zwischen-)Räume des Krieges. Das Lazarett – angesiedelt zwischen Schlachtfeld und Heimatfront, Krieg und Frieden, Tod und Leben – ist ein heterotoper Zwischenraum im Sinne Foucaults, der nicht selten auch als dystopischer Transitraum erfahren wird. Kriegsgefangenenlager stellen ebenfalls in sich geschlossene Mikrokosmen zwischen Krieg und Frieden dar, in denen jedoch die menschenverachtende Hässlichkeit des Grabenkrieges auf eine andere Art und Weise fortgesetzt wird. Das Alltagsleben der Zivilbevölkerungen an den Heimatfronten, die zunächst ,Friedensräumen‘ glichen, in denen das Leben der Daheimgebliebenen fast normal weiterzugehen schien, wird zunehmend von den Folgen der Zerstörung des ruralen wie urbanen Heimatraumes affiziert. Die Vernichtung der Landwirtschaftsräume zieht unerbittliche Kämpfe um ‚Lebensmittel‘ (wie Kartoffeln, Kohle etc.) nach sich, während die Bombardierungen zu verzweifelten Kämpfen um Überlebensräume führen.
Das Ziel der Sektion, die speziell die deutsch- und französischsprachigen Gebiete fokussiert, besteht darin, die unterschiedlichen Räume, die während des Ersten Weltkrieges entstehen oder durch diesen stark verändert werden, in diesem eine zentrale Rolle spielen, ihn beherrschen und nach seinem Ende weiterbestehen bzw. im Sinne des Gedenkens und Erinnerns oder des zielgerichteten Vergessens neu semantisiert und mitunter auch politisch-ideologisch oder gar touristisch instrumentalisiert werden, zu beschreiben und hinsichtlich ihrer zeitgenössischen und aktuellen Relevanz für Literatur, Film, Kunst, (Alltags-/Erinnerungs-)Kultur, (Friedens-)Politik und (Tourismus-)Wirtschaft zu untersuchen. Zeitlich soll dabei eine Doppelperspektivierung vorgenommen werden, um so die eventuelle Nachhaltigkeit und Persistenz bzw. die Re-Semantisierung von (Kriegs-)Raumbildern auszuloten. In den Blick genommen werden können und sollen folglich sowohl Darstellungen und Inszenierungen respektive Instrumentalisierungen und Vermarktungen unterschiedlicher Räume des Krieges von Kriegsteilnehmern und Zeitzeugen als auch solche der (unmittelbaren) Gegenwart.

Bitte senden Sie Ihren Vortragsvorschlag bis zum 15. Januar 2018 an PD Dr. Marina O. Hertrampf (marina.hertrampf@sprachlit.uni-regensburg.de) und PD Dr. Beatrice Nickel (beatrice.nickel@gmx.de). Das Abstract sollte max. 300 Wörter umfassen und eine kurze Bibliographie mit zentralen Titeln enthalten. Senden Sie uns zeitgleich bitte auch eine kurze Biobibliographie zu Ihrer Person zu.

Auswahlbibliographie

Bachtin, Michail M., Chronotopos, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.
Beaupré, Nicolas, Écrire en guerre, écrire la guerre (France, Allemagne 1914-1920), Paris: CNRS éditions 2006.
Beaupré, Nicolas, Les Français dans la guerre 1939-1945, Paris: Belin 2015.
Bemong, Nele et al. (eds.), Bakhtin’s Theory of the Literary Chronotope: Reflections, Applications, Perspectives, Gent: Academia Press 2010.
Buelens, Geert, „,They wouldn‘t end it with any of us alive, now would they?‘. The First World War in Cold War Era Films“, in: Löschnigg, Martin/Sokolowska-Paryz, Marzena (eds.), The Great War in Post-Memory Literature and Film, Berlin/Boston: De Gruyter 2014, S. 365-383.
Buelens, Geert, Europas Dichter und der Erste Weltkrieg, Berlin: Suhrkamp 2014.
Calero Valera, Ana, „Lugares otros de la Primera Guerra Mundial“, in: Grünewald, Heidi et al. (éd.), Retornos / Rückkehr, Osnabrück: V&R 2015, S. 33–40.
Collot, Michel, Pour une géographie littéraire, Paris: Corti 2014.
Dennerlein, Katrin, Narratologie des Raumes, Berlin: De Gruyter 2009.
Döring, Jörg (Hrsg.), Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld: transcript 2008.
Foucault, Michel, „Des espaces autres“, in: ders., Dits et écrits, Bd. IV (1980-1988), Paris: Gallimard 1994, S. 752-762.
Foucault, Michel, Die Heterotopien. Les hétérotopies. Der utopische Körper. Le corps utopique, zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Michael Bischoff, mit einem Nachwort von Daniel Defert, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005.
Günzel, Stephan (Hrsg.), Topologie. Zur Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften, Bielefeld: transcript 2007.
Milkovitch-Rioux, Catherine, „Le champ de bataille, ou les métamorphoses de l’espace“, in: Westphal, Bertrand (éd.), La géocritique mode d’emploi, Limoges: PULIM 2000, S. 59–73.
Nübel, Christoph, Durchhalten und Überleben an der Westfront. Raum und Körper im Ersten Weltkrieg, Paderborn: Schöningh Verlag 2014.
Rehage, Georg Philipp, »Wo sind Worte für das Erleben«. Die lyrische Darstellung des Ersten Weltkrieges in der französischen und deutschen Avantgarde (G. Apollinaire, J. Cocteau, A. Stramm, W. Klemm), Universitätsverlag Winter 2003.
Ritter, Alexander (Hrsg.), Landschaft und Raum in der Erzählkunst, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975.
Seybert, Gislinde/Stauder, Thomas (Hrsg.), Heroisches Elend: der Erste Weltkrieg im intellektuellen, literarischen und bildnerischen Gedächtnis der europäischen Kulturen. Misères de l’héroïsme: la Première guerre mondiale dans la mémoire intellectuelle, littéraire et artistique des cultures européennes. Heroic Misery: The First World War in the Intellectual, Literary and Artistic Memory of the European Cultures, 2 Bände, Frankfurt am Main: Lang 2014.
Soja, Edward: Thirdspace. Journeys to Los Angeles and Other Real-and-Imagined Places. Oxford: Blackwell 1996.
Westphal, Bertrand, La Géocritique, Réel, Fiction, Espace, Paris: Minuit 2007.
Würzbach, Natascha, „Raumdarstellung“, in: Nünning, Ansgar und Vera (Hrsg.), Erzähltextanalyse und Gender Studies, Stuttgart: Metzler 2004, S. 49–71.
Ziemann, Benjamin/Ulrich, Bernd, Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Ein historisches Lesebuch, Essen: Klartext 2008.
Ziemann, Benjamin/Ulrich, Bernd, Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Quellen und Dokumente, Frankfurt am Main: Fischer 1994.

Beitrag von: Marina Ortrud M. Hertrampf

Redaktion: Marcel Schmitt