Heimat – patrie/patria: (Re-)Konstruktion und Erneuerung im Kontext von Globalisierung und Migration

Die Einführung von Heimatministerien (Bayern, NRW, Bund) zeigt sicher am deutlichsten, welche Bedeutung das äußerst schillernde und zutiefst gefühlsbetonte kulturelle Phänomen ,Heimat‘ in Deutschland aktuell einnimmt. In der deutschen Romantik erstmals zu großer Bedeutung gelangt, wurde das Konzept ,Heimat‘ durch zunehmend patriotisch gefärbte nostalgische Verklärung zum Gegenstand der Volkstümelei. Mit dem nationalsozialistischen Verständnis des Heimatbegriffs im Sinne des Vaterlandes als Raum und Boden des arischen Volkes geriet das Konzept gänzlich in Verruf und wurde lange gemieden. Mittlerweile kann das Begriffskonzept aber als „rehabilitiert“ (Türcke 2006) gelten und erfährt gegenwärtig vor dem Hintergrund von Globalisierung und Migration eine ungeahnte Renaissance. Dabei werden unterschiedliche Neubestimmungen des Begriffskonstruktes ausgelotet, so dass aktuelle Debatten von einer großen Pluralität unterschiedlicher Heimatkonzepte geprägt sind (vgl. Bausinger 2001; 2004). Auch wenn es keine einheitliche Definition von Heimat gibt, so weist der Begriff doch mindestens sieben Bedeutungsdimensionen auf, die in den jeweiligen Konzeptionsmodellen unterschiedlich stark betont werden: Heimat hat räumliche, zeitliche, kulturelle, sprachliche, identifikatorische, soziale und politisch-ideologische Bedeutungsdimensionen. Zudem fällt die stark affektive Qualität des ebenso vielfältig wie kontrovers debattierten Begriffs ,Heimat‘ auf, dessen Verwendung stets stark emotionale Reaktionen hervorruft. Ferner ist Heimat immer auch ein mentales Konstrukt: So lässt sich Heimat zwar oftmals im geographischen Raum situieren, doch ist der physische Ort allein noch nicht Heimat, zur Heimat als Gefühl „gehört notwendig die Imagination. Die räumliche und zeitliche Bestimmung des Wortes Heimat überschreitet das Faktische“ (Hüppauf 2007: 112). Dieses Element ist vor allem mit Blick auf die Dimension Zeit relevant. In zeitlicher Hinsicht ist mit Heimat häufig ein verlorener, vertrauter Raum der Kindheit und Jugend gemeint. Weitere zeitliche Komponenten von Heimat sind Traditionen, vorhergehende gesellschaftliche Verhältnisse oder aber Zukunftsvorstellungen. Gerade der Blick zurück in eine mitunter auch diffus bleibende Vergangenheit und das Gefühl des Verlustes dieser (oft rein mentalen) Heimat spielt insbesondere für (diasporische) Minderheitengruppen eine bedeutende Rolle kollektiver Identitätsbildung.
Heimat ist ein typisch deutsches Konzept, das sich kaum adäquat in die romanischen Sprachen übersetzen lässt: Weder pays/país/paese noch patrie/patria weisen dieselbe Bandbreite kultureller und affektiver Bedeutungsdimensionen auf wie der deutsche Heimatbegriff, der sich weitaus weniger am Nationalstaatsmodell orientiert und sehr viel stärker regional und kulturell geprägt ist. Und doch scheinen sich die kulturhistorisch so unterschiedlichen Konzeptmodelle in ihrem Begriffsverständnis gegenwärtig so zu verschieben, dass Annäherungen zu beobachten sind.
Vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung sowie immer komplexer werdender Migrationsbewegungen stehen Begriffskonstrukte wie Heimat und patrie/patria in politischen, öffentlichen und künstlerischen Diskursen in Deutschland und der Romania (wie in ganz Europa) hoch im Kurs. Die verstärkte Konzentration auf das Partikulare des ,Eigenen‘ in Abgrenzung zum fremden ,Anderen‘ manifestiert sich dabei aber nicht nur auf den politischen Bühnen in Form unterschiedlicher patriotisch-chauvinistischer und dezidiert europa- und fremdenfeindlicher Strömungen und politischer Bewegungen, sondern – wenn auch in einer freilich gänzlich anders gearteten Form und Funktion – auf (alltags)kultureller und künstlerischer Ebene, so dass sich zunehmend die Frage der sich verschiebenden, veränderten Bedeutungsdimensionen dieser Begriffsparadigmen stellt. Das Sprechen von und über Heimat respektive patrie/patria stellt damit gerade im transnationalen Kontext Europas ganz neue Herausforderungen. Insbesondere das romanische Konzept von patrie/patria scheint aktuell im Wandel begriffen zu sein. Hierauf deuten Trends wie beispielsweise neue Formen des Heimat- bzw. Regionalromans (vgl. die 2017 von E. Costadura ausgerichtete internationale Tagung „Heimat – Ein Problem der globalisierten Welt?“) oder die Stärkung bzw. Wiederbelebung von Regionalsprachen und Dialekten hin. Nicht mehr (nur) die Bindung zum kulturell vereinheitlichten Nationalstaat scheint als emotional-identitätsstiftend wahrgenommen zu werden, sondern gerade das kulturell Partikulare einzelner Regionen. Ausgehend von dieser Feststellung soll diskutiert werden, wie Neubestimmungen des romanischen Konzeptes patrie/patria zu bewerten sind und inwiefern sich in politischen wie kulturellen Diskursen Annäherungen an den deutschen Heimatbegriff ausmachen lassen. Dabei kann u.a. auch zur Diskussion gestellt werden, was Heimat bzw. patrie/patria in einer globalisierten und von migratorischen Bewegungen bestimmten Welt (überhaupt noch) bedeuten (können/sollen/dürfen). Es wird u.a. auch zu fragen sein, inwiefern sich ein durch Krieg und Migration politisch evozierter prekärer Zustand wie die Staatenlosigkeit auf das Identitätsgefühl der Heimatlosigkeit auswirken kann und welche Bedeutung(szukunft) das ,Recht auf Heimat‘ (vgl. Alfred-Maurice de Zayas 2001) bei den aktuellen Diskussionen um Migration und Integration hat. Daraus ergibt sich beispielsweise auch die Frage, wie sich Heimat(recht) und patrie/patria bei diasporischen Gruppen ohne politisch fundierte territoriale Heimstätte wie etwa bei den Roma zueinander verhalten. Schließlich soll diskutiert werden, inwiefern das komplexe Konstrukt Heimat letztlich auch transnational und pan-territorial gedacht werden kann/sollte.
Im Mittelpunkt der ebenso transversal-interdisziplinär wie kulturvergleichend konzipierten Sektion soll die Analyse und Interpretation unterschiedlicher Konzeptions- und Darstellungsformen von Heimat respektive ,Vaterland‘ (patrie, patria) in Deutschland und der Romania stehen. Als Gegenstand der Untersuchung bieten sich politische und öffentliche Diskurse in Presse und Medien ebenso an wie Inszenierungsformen in Werbung, Film, Kunst und Literatur.

Bitte schicken Sie Ihr Abstract unter Angabe des Titels sowie von Namen und Kontaktdaten des/der Vortragenden bis zum 31. Dezember 2018 an Marina Ortrud M. Hertrampf (marina.hertrampf@sprachlit.uni-regensburg.de). Bitte beachten Sie, dass ein Abstract auf 3 000 Zeichen beschränkt ist (einschließlich Leerzeichen, einschließlich bibliographische Angaben).

Auswahlbibliographie
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