„Was gehört nicht dazu?“ Wer hat nicht schon einmal diese spielerische Anweisung befolgt und somit sein Urteilsvermögen, sein analytisches Denken und seine Kompetenzen in formeller Logik unter Beweis gestellt? Ursprünglich von Alfred Binet (1857–1911) und Théodore Simon (1873–1961) im Rahmen eines Intelligenztests entworfen, dient diese Übung der Überprüfung der kognitiven Fähigkeiten eines Kindes. Konkret sollte hier getestet werden, ob Kinder wiederkehrende Motive oder Schemata, also Kennzeichen der Zugehörigkeit identifizieren können, anders gesagt, ob sie wahrnehmen, was eine Gemeinschaft ausmacht und schafft. Anhand der somit herausgearbeiteten Kriterien werden dann Bedingungen von (legitimer) Zugehörigkeit zu einem Ganzen implizit oder explizit bestimmt und umgesetzt. Innerhalb dieses Ganzen wird der Eindringling ex negativo als derjenige definiert, der fehl am Platze ist oder sich gar über die Normen hinwegsetzt. In diesem Sinne eignet sich der Eindringling für allerlei, je nach Situation mehr oder weniger spielerische bzw. böswillige Umgehungen, indem er sich tarnt, verkleidet oder schwindelt. Er schafft, sei es mit oder ohne Maske, die Möglichkeit einer Verwechslung und hinterfragt damit individuelle und kollektive Identität – was bisweilen durchaus komisches Potential hat. In dieser Hinsicht erscheint der Begriff des Eindringlings als ausgesprochen fruchtbar für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung. Wenn ihm bislang allerdings die Konzepte des Anderen oder des Fremden vorgezogen wurden (Waldenfelds, 1997; Bartmann und Immel, 2012), so liegt das sicherlich auch an seiner eindeutig negativen Konnotation. Die produktive Kritik, Hinterfragung und Neubesetzung des Begriffs des Eindringling (bzw. des intrus auf Französisch) ist somit auch eines der Ziele des geplanten Themenhefts.
Im Unterschied zum Fremden wird der Eindringling aktiv definiert. Man ist fremd, aber man dringt ein. Der Fremde kann dementsprechend in den Genuss einer Willkommenskultur kommen, ohne zwangsläufig als Eindringling angesehen zu werden, der die bestehende Ordnung stören könnte. Dafür darf er allerdings kein hostes, also kein dauerhafter, als potentiell feindselig eingestufter Gast sein, sondern muss als hospes, als ein weiterziehender Fremder gelten. Aus diesem Beispiel mag man folgern, dass das Eindringen als eine mögliche Bedingung für die Wahrnehmung der „Fremdheit des Fremden“ betrachtet werden kann (Waldenfelds, 1997). Jedenfalls wird der Fremde (xenos), auch wenn er nicht eindringt, oft als Eindringling wahrgenommen, mit dem Argument, dass seine bloße Präsenz Instabilität mit sich bringen und die bestehende Ordnung in Frage stellen könnte.
Im engeren Sinne ist der Eindringling eine Person, die illegal in einen Raum dringt oder widerrechtlich zu einem Amt bzw. einer Würde gelangt. Im Französischen bezeichnet das inzwischen veraltete Verb „s’intrure“, übrigens genauso wie sein englisches (to intrude) und deutsches Äquivalent (eindringen), das willentliche Handeln des Eindringlings sowie das ungebetene Drängen in einen Ort. Heute hat der Begriff jedoch einen breiteren, mehrheitlich übertragenen Sinn: Der Eindringling ist der-, die- oder dasjenige, die oder dem das Stigma einer illegitimen Präsenz aufgedrückt wird, in der Auffassung, dass sein oder ihr Platz woanders sei. In beiden Fällen, also im engeren (1) wie auch im übertragenen Sinne (2) impliziert die Intrusion einen Verstoß gegen eine normative Ordnung, die explizit und positiv sein (1) oder aber auf stillschweigenden Repräsentationen beruhen kann, welche die Mitglieder einer realen oder imaginären Gruppe vereinen (2). Der Begriff ist folglich mehrdeutig: Er verweist sowohl auf die Handlung derjenigen, die eindringen, als auch auf den Blick, der auf den als Eindringling betrachteten geworfen wird. Paradoxerweise ist der Eindringling also mit seinem Gegenspieler, der ihn als solchen definiert, sowie mit dem geschlossenen Ganzen, dessen Grenzen er bewusst oder unbewusst überschreitet, und dessen Kohäsion, Fortdauer und sogar Existenz er in Frage stellt, untrennbar verbunden.
Der Begriff des Eindringlings hinterfragt jedoch nicht unbedingt nur die Beziehungen eines Individuums zu einer bestehenden Gruppe, sondern kann auch das Eindringen in das mir Eigene als Leib bezeichnen. So können Krankheit (Garcia-Düttman, 1993), Transplantation (Nancy, 2005), Prothesen (Nagenborg, 2013) und Schwangerschaft als eine Intrusion erlebt werden. Indem der Eindringling das „Schweigen der Organe“ stört, bringt er die Körper und Psyche vereinende Lebensordnung durcheinander. Literarische und kinematografische Fiktionen spielen sowohl mit dieser Angst des Wirtes vor dem Parasiten (Rosemary’s Baby, 1973; Alien, 1979; Les bonnes manières, 2017), als auch mit der Vorstellung des Körpers als pars pro toto des Sozialgefüges.
Dabei lässt sich dieses Sozialgefüge nicht auf die passive Opferrolle beschränken, und das Eindringen wiederum ist nicht zwangsläufig die Tat eines Individuums. Die Beziehung, die hier stattfindet, lässt sich leicht in ihr Gegenteil umkehren, und die Intrusion kann von einer Gruppe von Individuen ausgehen, von einer juristischen Person oder sogar von einem Staat. Verschiedenste Formen und Ebenen der Intrusion, von der Intimsphäre bis zum globalen Dorf, können also im Rahmen dieses Themenhefts untersucht werden und dabei eine Reflektion über die Durchlässigkeit der (geografischen, politischen, sozialen, linguistischen oder körperlichen) Grenzen anstoßen. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob sich jenseits der Unterschiede wiederkehrende, funktionale und identifizierbare Charakteristika des Eindringens bzw. des Eindringlings herausarbeiten lassen. Kann man aus den unterschiedlichen Intrusionsphänomenen typische Züge dieser Figur ableiten, die sich sowohl auf der individuellen als auch auf der staatlichen Ebene wiederfinden? Entspricht der Eindringling immer dem ‚Neureichen‘, dem ‚Einwanderer‘, ‚der‘ Frau (in überwiegend männlichen Bereichen), anders gesagt, entstammt er immer einer ‚Minderheit‘ (Larrère und Lorriaux, 2018)? Um diese Frage zu beantworten, möchte das Themenheft ein möglichst breites Spektrum von Eindringlingen und Formen des Eindringens behandeln. So könnten etwa politische bzw. militärische Eingriffe thematisiert werden, die im Laufe der Geschichte unterschiedlich legitimiert wurden, etwa mittels der Religion (Kreuzfahrer oder Missionare als intrusive Vorreiter), der Wissenschaft (Entdecker, Ethnographen), der ‚Kulturarbeit‘ (Kolonisten, Siedler), später und insbesondere nach 1945 aber auch anhand der Verbreitung demokratischer Werte (Außenpolitik der USA, UNO, Blauhelme, NATO, humanitäre Interventionen durch NGOs, usw.).
Was lässt sich zu den ‚Opfern‘ dieser Eindringlinge herausstellen, haben sie womöglich ebenfalls ein typisches Profil? Wieso ist die weibliche Form intruse im Französischen bislang nur eine lexikalische Merkwürdigkeit, wie ließe sich im Deutschen eine weibliche Form des Eindringlings ausdrücken (Eindringende, Eingedrungene)? Darüber hinaus soll allgemein danach gefragt werden, ob sich das Phänomen des Eindringens zwangsläufig auf den dichotomischen Gegensatz zwischen dem Eindringling und demjenigen bezieht, der sich selbst vielleicht etwas übereilig als Opfer bezeichnet. Ferner stellt sich die Frage nach der performativen Dimension des Eindringens, in dem der Eindringling sich selbst als solchen bezeichnen muss (man denke zum Beispiel an das Prinzip der gläsernen Decke oder an den unter AnthropologInnen wohlbekannten Versuchsleitererwartungseffekt).
Schließlich sollen jene Herausforderungen miteinbezogen werden, die neue Medien und soziale Netzwerke für die konzeptuelle Konturierung des Eindringlings darstellen. Durch seine Horizontalität stellt das Internet etablierte Kodizes in Frage; es schafft einen neuen Raum, ein neues Ganzes, in dem traditionelle Grenzen verschwinden (geografische, staatliche, kulturelle Grenzen sowie die Abgrenzung von Privatsphäre und Öffentlichkeit) und in dem herkömmliche Verhaltensregeln folglich oft nicht mehr gelten. In diesem Bereich sind Rechtsfragen und Fragen zu Grenzen schon sehr früh aufgeworfen worden (Kahin und Nesson, 1997), aber noch längst nicht gelöst. Noch immer besteht eine Spannung zwischen 1) dem Willen, das nationale (souveräne) Recht durchzusetzen, 2) dem Versuch, eine neue Reglementierung auf internationaler Ebene einzuführen, 3) dem Aufkommen von privaten, außerstaatlichen Akteuren (etwa die Internetriesen Google, Apple, Facebook und Amazon), die versuchen, ihre eigenen Regeln durchzusetzen. Infolge dieser bedeutsamen Veränderungen sind neuartige Formen der Intrusion (Hacking, Stalking, Sammeln und Ausbeutung von persönlichen Daten zu kommerziellen Zwecken) und Eindringlinge der dritten Art entstanden (Hacker, Trolls, anonyme bzw. unter einem Pseudonym schreibende Nutzer von Internetforen, Smart Speaker und andere intelligente Apparate). Die Frage der Big Data ist für die zeitgenössische Kunst sowie für AutorInnen von Filmen (Her, 2014) und TV-Serien (Black Mirror, seit 2011) eine Erneuerungs- und Inspirationsquelle, deren Darstellungen des Eindringlings ebenfalls untersucht werden könnten.

Fristen und Bewerbungsmodalitäten

Der vorliegende Beitragsaufruf für das 13. Themenheft der Zeitschrift Trajectoires richtet sich an Nachwuchsforschende (DoktorandInnen, Postdocs und ggfs. Masterstudierende) der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Er lädt zur Bearbeitung des Themas Intrus – Eindringling aus einer interdisziplinären und deutsch-französischen Perspektive ein. Arbeiten, die sich der Fragestellung auf einer empirischen Grundlage nähern, sind besonders willkommen. Da Trajectoires sich vor allem der Erforschung der deutsch- und französischsprachigen Räume widmet, begrüßen wir insbesondere vergleichende Ansätze, freuen uns aber über alle Vorschläge, die die erwünschte deutsch-französische Dimension über das Thema, das Untersuchungsfeld oder auch die theoretische und bibliografische Einordnung herstellen.
Beitragsvorschläge können auf Deutsch oder Französisch verfasst werden (max. 5000 Zeichen inkl. Leerzeichen) und sollten die Fragestellung, die gewählte Methode, die Quellen und den Gegenstand ebenso klar benennen, wie die Kernelemente der Argumentation und den deutsch-französischen Bezug. Wir bitten um Zusendung der Beitragsvorschläge zusammen mit einem wissenschaftlichen Lebenslauf in einem PDF-Dokument bis zum 31. März 2019 an folgende Adresse: trajectoires@ciera.fr.
Die ausgewählten AutorInnen werden Mitte April informiert und anschließend gebeten, ihren fertigen Text (max. 25 000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 2. Juni 2019 einzureichen. Die Artikel unterliegen anschließend einem zweifachen peer review-Verfahren und werden nach erfolgreicher Begutachtung Ende 2019 veröffentlicht. Weitere Informationen für interessierte AutorInnen befinden sich auf der Homepage von Trajectoires: https://journals.openedition.org/trajectoires/.
Ein Workshop zum Thema Intrus – Eindringling wird am Samstag, den 11. Mai 2019 in Paris stattfinden. Die AutorInnen erhalten im Rahmen dieses Workshops die Möglichkeit, ihren geplanten Beitrag für Trajectoires vorstellen. Die Reisekosten werden pauschal erstattet. Die Teilnahme an diesem Workshop ist weder notwendig noch ausreichend, um einen Artikel im Themenheft von Trajectoires zu publizieren. Den interessierten AutorInnen danken wir jedoch im Voraus dafür, sich das genannte Datum – nach Möglichkeit – freizuhalten.

Bibliografie (Auswahl)

Alshiabani Abuhamoud (2010): L’ingérence pour la démocratie en droit international, Tours [Diss.].
Arendt, Hannah (2002): Sur l’antisémitisme, übersetzt v. Micheline Pouteau, Paris.
Arendt, Hannah (2011): Écrits Juifs, übersetzt v. Sylvie Courtine-Denamy, Paris.
Authier-Revuz, Jacqueline (1984): Hétérogénéité(s) énonciative(s), Langages 73, S. 98–111.
Balibar, Étienne (2016): Des Universels. Essais et conférences, Paris.
Bartmann, Sylke et Oliver Immel (Hg.) (2012): Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, Bielefeld.
Bell, Peter, Dirk Suckow et Gerhard Wolf (Hg.) (2010): Fremde in der Stadt. Ordnungen, Repräsentationen und soziale Praktiken (13.‒15. Jahrhundert), Frankfurt a.M.
Berrada, Taïeb (2016): La figure de l’intrus. Représentations postcoloniales maghrébines, Paris.
Chatterjee, Arnab (2018): Is the Personal beyond Private and Public? New Perspectives in Social Theory and Practice, Los Angeles.
Diaz, Delphine (2014): Un asile pour tous les peuples ? Exilés et réfugiés étrangers en France au cours du premier XIXe siècle, Paris.
Eva Esslinger (Hrsg.) (2010): Die Figur des Dritten: Ein Kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt /M.
Garcia Düttman, Alex (1993): Uneins mit Aids. Wie über einen Virus nachgedacht und geredet wird, Frankfurt a.M.
Huebert, Ronald (2016): Privacy in the Ages of Shakespeare, Toronto/Buffalo/London.
Husserl, Edmund (2012): Cartesianische Meditationen: Eine Einleitung in die Phänomenologie, Hamburg.
Kahin, Brian et Charles Nesson (Hrsg.) (1997): Borders in Cyberspace: Information Policy and the Global Information Infrastructure, Cambridge, Mass.
Küntzel, Astrid (2008): Fremde in Köln. Integration und Ausgrenzung zwischen 1750 und 1814, Köln/Weimar/Wien.
Kurmeyer, Christine et al. (2018): Fremde Heimat. Migration und Integration, Bonn.
Larrère, Mathilde et Aude Lorriaux (2018): Des intrus en politique: femmes et minorités: dominations et résistances, Paris.
Lazare, Bernard (2012): L’antisémitisme, son histoire et ses causes, Paris.
Levinas, Emmanuel (1990): Totalité et infini. Essai sur l’extériorité, Paris.
Michael Nagenborg et al. (2013): Der Fremdkörper, Aspekte der Medizinphilosophie, vol. 6, Bochum/Freiburg.
Nancy Jean-Luc (2005): L’intrus, Paris.
Niggemann, Ulrich (2016): Migration in der Frühen Neuzeit. Ein Literaturbericht, Zeitschrift für Historische Forschung, 43, S. 293-321.
Platon (2017): Apologie de Socrate, Paris.
Platon (2018): Gorgias, Paris.
Polet, François (Hg.) (2012): (Re-)construire les États, nouvelle frontière de l’ingérence, Paris.
Ritter, Martina (2008): Die Dynamik von Privatheit und Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften, Wiesbaden.
Rousseau, Jean-Jacques (2011): Les Confessions, Paris.
Rousseau, Jean-Jacques (2011): Les rêveries du promeneur solitaire, Paris.
Sartre, Jean-Paul (1954): Réflexions sur la question juive, Paris.
Sartre, Jean-Paul (1976): L’être et le néant, Paris.
Schmidt, Dorothee (2016): Reisen in das Orientalische Indien. Wissen über fremde Welten um 1600, Köln/Wien.
Tsaousis, Georgios (2014): Le difficile équilibre entre sécurité et protection des données: comparaison des cadres juridiques français et grec sous l’influence du droit européen, Dijon.
Waldenfelds, Bernard (1997): Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1, Frankfurt a.M.
Zamuna, Abdolhakim (1998): Ingérence humanitaire et droit international, Nice.

Beitrag von: Lucia Aschauer

Redaktion: Christoph Behrens