Verschiedene Krisen – die Finanz- bzw. Euro- und die sogenannte Flüchtlingskrise – haben in den letzten Jahren in einigen europäischen, insbesondere aber auch romanischsprachigen Ländern eine Rückbesinnung auf den Nationalstaat ausgelöst, die in vielfältiger Weise ihren Ausdruck findet. Man denke hier beispielsweise an die Politik Italiens unter der Regierung des Movimento Cinque Stelle und der mit Innenminister Salvini immer dominanter werdenden Lega (die bis vor wenigen Jahren klar gegen Süditalien gerichtete Lega Nord), die Präsidentschaftskandidatur Le Pens (damals Front national) gegen Macron (sowie den in der ersten Wahlrunde unterlegenen linkspopulistischen Mélenchon mit seiner Bewegung La France insoumise) oder die zuletzt erheblichen Anteile für Vox bei den Parlamentswahlen in Spanien, die massiv unter dem Einfluss der Katalonienkrise standen (s. hier auch insgesamt die Ausdifferenzierung des Parteiensystems des links- und rechtspopulistischen Spektrums, s. Podemos, Ciudadanos neben der bereits genannten Vox). “Europa” wird hier wie anderswo für die Wirtschafts- und v.a. die rezentere Migrationspolitik verantwortlich gemacht und ist immer wieder Gegenstand hitziger Diskussionen. Entsprechendes Gewicht kommt mit Blick auf die Europawahl 2019 der rechtspopulistischen “Allianz der Völker und Nationen” für eine aktuell denkbare Neukonstituierung Europas zu, da die hier verbündeten Parteien, darunter Salvinis Lega und Le Pens inzwischen in Rassemblement national umbenannte Partei, den Nationalstaaten mehr Macht geben und mit der Abschaffung des Euro eine Destabilisierung des europäischen Wirtschaftsraums in Kauf nehmen würden, auch wenn es kein einheitliches Wahlprogramm gibt und die Brüche zwischen den in unterschiedlichen Bündnissen gruppierten Rechtspopulisten der einzelnen Staaten eine entsprechende Politik blockieren dürften.

Das Konzept EUROPA wird also wieder neu diskutiert, wie bereits zuvor unter unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder. So heben etwa die bereits in den 1980er Jahren aufgekommene Idee eines Europas der zwei Geschwindigkeiten oder auch die jüngste “Initiative für Europa” des französischen Präsidenten Macron ab auf die Neubegründung eines souveränen, geeinten und demokratischen Europas. Die Veränderung des EUROPA-Konzepts spiegelt natürlich auch diejenige der europäischen Institutionen wider. Dies ist in der Geschichte Europas aber nicht neu, auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Auflösung des Warschauer Pakts war mit der Osterweiterung der EU eine inhaltlich-strukturelle Adaptation der europäischen Idee erforderlich geworden. Heute ist v. a. eine gemeinsame Verteidigungspolitik wieder Gegenstand der Diskussion. Gleichzeitig wird die politische Einheit, die partiell in den politischen Institutionen sowie den Verträgen von Maastricht und Lissabon umgesetzt wurde, immer wieder in ihrer Ausgestaltung in Frage gestellt. Die gefühlte “Bevormundung” durch die EU, eine als moralisch argumentierend empfundene Politik, insbesondere vor dem Hintergrund der eingangs angeführten Krisen, führt zu einer Rückbesinnung auf die nationale Identität. “Nationale Alleingänge” sind also inzwischen zur Bedrohung für Europa geworden, das auseinanderzubrechen droht. Die anfängliche Europaskepsis scheint sich in Teilen der Gesellschaft mehr und mehr zu einer feindlichen Einstellung gegenüber der europäischen Idee zu entwickeln und findet ihren Niederschlag im Erfolg v.a. der angesprochenen rechtspopulistischen Parteien, die sich damit rühmen, gegen das Establishment zu sein und damit auch gegen etablierte politische Ansichten. Die aktuellen (nationalen) Kampagnen zur Europawahl zeigen gleichzeitig, dass die Politik umgekehrt versucht, den Nutzen des europäischen Gedankens wieder stärker in das Bewusstsein der Wählerinnen und Wähler bringen und antieuropäischen Tendenzen damit entgegenzuwirken.

Vor dem Hintergrund des in der Nachkriegszeit Erreichten stellt sich die Frage nach der sprachlichen Repräsentation und Vermittlung dieser “(De)Konstruktion” oder “Rekonstruktion” des Konzepts EUROPA. Was bedeutet dies für den politischen und öffentlichen europäischen Diskurs zu bzw. über das Konzept von EUROPA? Wie wird Europa in den romanischen Ländern von unterschiedlichen Akteuren verstanden, inszeniert und legitimiert? Wie wird Europa in den Texten der unterschiedlichen politischen Gremien und Institutionen auf europäischer Ebene konzeptualisiert, wie im weiteren politischen Diskurs? Welche Rolle spielt Europa in Partei- und Wahlprogrammen sowie in Statements einzelner Politiker, die z.T. als Leitfiguren für ihre jeweiligen Parteien und für bestimmte Ideen fungieren? Wie wird die kulturelle Identität Europas und der Europäer konstruiert? Wie entwickelt sich der europäische Gedanke im Laufe der Geschichte und wie verhält sich dazu die zunächst dominante und auch heute wieder aufkeimende Idee der Nationalität (s. hier auch die Rolle nationaler Stereotype)? Welche Rolle spielen schließlich die jeweilige nationale Presse, TV und Hörfunk sowie die sozialen Medien mit Blick auf die Glaubwürdigkeit der Darstellung und die Meinungsfreiheit? Inwieweit erfolgt eine Lenkung des politischen Diskurses (s. auch agenda setting)?

Mit Bezug auf die romanischsprachigen Länder Europas, ihre historisch sehr heterogenen Ausgangspositionen und ihre entsprechend unterschiedliche Rolle in der Entstehung, De- und Rekonstruktion Europas will die Tagung dazu einladen, diese und verwandte konzeptbezogene Fragen und Prozesse aus lexikalischer, frame-semantischer, diskursanalytischer etc. Sicht zu analysieren und zu diskutieren und so einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der konkurrierenden Konzepte von Europa und ihrer historischen Veränderungen zu leisten.

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Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Sabine Heinemann (Univ. Graz)
sabine.heinemann@uni-graz.at
Univ.-Prof. Dr. Uta Helfrich (Univ. Göttingen)
uta.helfrich@phil.uni-goettingen.de
Univ.-Prof. Dr. Judith Visser (Univ. Bochum)
judith.visser@rub.de

Beitrag von: Sabine Heinemann

Redaktion: Christoph Behrens