Stadt: Wien (Österreich)

Frist: 2020-01-15

Beginn: 2020-09-23

Ende: 2020-09-26

URL: https://frankoromanistentag.univie.ac.at/call-for-papers/

Das siècle des Lumières lässt sich zweifelsohne als ein Zeitalter der globalen Expansion beschreiben, wenn diese Expansion auch anders als in den beiden ihm vorangehenden Jahrhunderten charakterisiert ist. Signatur des 18. Jahrhunderts ist weniger der Schock des Neuen als die Reflexion des Anderen. Auch konzentrieren sich die Eroberungen und Entdeckungen v.a. auf den pazifischen Raum (Stichwort Bougainville), eine Vielzahl von Forschungsreisen führen aber auch in geographisch nähere Räume, vom Maghreb bis in den Kaukasus. Politisch ist man in Frankreich hauptsächlich um die Konsolidierung bestehender kolonialer Dominanzverhältnisse bemüht, wissenschaftlich-literarisch hingegen ist der Diskurs, gerade im Zeichen des aufklärerischen Universalismus, auf die ganze Welt hin geöffnet. Freilich ist dies eine Öffnung, die eine Selbsthinterfragung impliziert und damit konkurrierende Deutungsansprüche spiegelt.
Begegnungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, Europäern und ‚Ureinwohnern‘ werden vielfach zum Gegenstand der Reflexionen französischer und französisch schreibender Autoren, und zwar sowohl in nach damaligem Stand als wissenschaftlich geltenden Schriften (v.a. aus den Bereichen der sich langsam entwickelnden Ethnologie und Anthropologie) als auch im Bereich der fiktionalen Literatur. Wenn deren Fokus häufig der état de nature (Rousseau) ist, sind die Vorstellungen von einem solchen Naturzustand in der Regel als Deutung und Urteil über die eigenen europäischen und französischen Zustände zu lesen. Die überseeischen Gebiete eignen sich auf besondere Art und Weise für solche Reflexionen und Projektionen, weil sie durch ihre große Entfernung zu Europa nicht dessen (vorgeblich negativen) Einflüssen ausgesetzt sind. Frei von zivilisatorischen Zwängen und ohne jede zivilisatorische Depraviertheit lässt sich hier ein ‚natürliches‘ Leben nach den Regeln der Natur und entsprechend der ursprünglichen Natur des Menschen imaginieren. Bekanntlich lassen sich dabei prinzipiell zwei Pole der Wahrnehmung und Beschreibung fremder Völker und Kulturen unterscheiden: die euphorische Positivierung des ‚Wilden‘ zum bon sauvage/homme naturel (Rousseau), der den ursprünglichen Naturzustand des Menschen repräsentiere, und der Behauptung der französischen bzw. europäischen Superiorität, die teilweise klimatheoretisch ‚nachzuweisen‘ unternommen wird. Maßgeblich für die jeweilige Darstellung der fremdkulturellen Wirklichkeiten und ihrer argumentativen Funktionalisierung sind dabei die Wirkabsichten und die mentalen Dispositionen der Autoren, wie beispielsweise (um erneut zwei polare Modelle zu benennen) in den Berichten französischer Missionare oder in den dialogischen Texten Diderots.
Die Kolonien sind jedoch nicht nur ein (mentaler) Begegnungsraum der Franzosen und anderer französisch schreibender Europäer mit den kolonisierten Völkern, sondern auch Frankreich wird vielfach zum Ort der interkulturellen Begegnung, sei es faktual im gelehrten, enzyklopädischen Diskurs, der sowohl von Franzosen wie auch von anderen Frankophonen geführt wird, oder fiktional in literarischen Texten, die die Konfrontation unterschiedlicher kultureller Wertesysteme inszenieren. So ist etwa in der libertinen Literatur die Verortung des Geschehens in einem mannigfaltigen fiktiven ‚Orient‘ keineswegs als bloße Maskerade abzutun. Vor allem in der Gattung des Briefromans (Montesquieu, Graffigny, Montbart u.a.) begegnen uns immer wieder ‚Wilde‘, die auf unterschiedliche Weise nach Frankreich gekommen sind – die Gründe reichen von der gewaltsamen Verschleppung bis hin zur ‚touristischen‘ Reise – und die dortigen, aus ihrer Sicht fremdkulturellen Gegebenheiten beschreiben und bewerten. Immer herrscht eine starke Interferenz von (imaginierter) Fremd- und Eigenwahrnehmung vor.
Die Sektion verfolgt also eine auf mehrfache Weise doppelte Ausrichtung. So will sie selbst zu einem Begegnungsraum werden, der neue Perspektiven auf das siècle des Lumières eröffnet, indem er häufig ‚polar‘ getrenntes reflexiv zusammenführt: zum einen den Blick von Frankreich auf die fremde Welt mit dem (fiktiven) Blick der Fremden auf Frankreich, zweitens fiktionale mit faktualen Gattungen, literarische Texte (u.a. literarische Reiseberichte, Berichte über fiktive Reisen, Reiseutopien etc.) mit enzyklopädisch-wissenschaftlichen (ethnologischen, anthropologischen, politischen etc.) Schriften, und drittens Texte von französischen Autorinnen und Autoren mit solchen anderer Muttersprache, die sich des Französischen als Elitensprache bedienen – im Sinne einer historischen Frankophonieforschung.

Bitte reichen Sie Ihre Vortragsvorschläge (auf Deutsch oder Französisch) im Umfang von 300 Wörtern bis zum 15. Januar 2020 per E-Mail bei der Sektionsleitung ein: henning.hufnagel@uzh.ch, Beatrice.Nickel@ruhr-uni-bochum.de.
Wir bitten, dafür das Stylesheet für Abstracts zu verwenden: https://frankoromanistentag.univie.ac.at/call-for-papers/.

Beitrag von: Beatrice Nickel

Redaktion: Christoph Behrens