Stadt: Wien (Österreich)

Frist: 2020-01-15

Beginn: 2020-09-23

Ende: 2020-09-26

URL: https://frankoromanistentag.univie.ac.at/

Multiperspektivische Zugänge zur Mündlichkeit im Französischunterricht

Viele Wege führen zu einer guten mündlichen Französisch-Kompetenz. Aber welchen (oder welche) sollen Lehrende einschlagen, damit die Lernenden möglichst rasch ans Ziel kommen? Gibt es vielleicht neue Wege dorthin abseits der ausgetretenen Pfade? Und was ist überhaupt unter dem Ziel, nämlich einer „guten“ Kompetenz, zu verstehen? Die Sektion „Multiperspektivische Zugänge zur Mündlichkeit im Französischunterricht“ wird sich diesen Fragen auf ganz konkrete Weise widmen und einen „carrefour des idées sur la compétence orale“ entstehen lassen, in dem über Theorie- und Methodologiegrenzen hinweg ein mehrperspektivischer Blick auf Mündlichkeit im Französischunterricht geworfen werden kann.
Die mündliche Kompetenz der Lernenden spielt im Französischunterricht eine eher untergeordnete Rolle, da der Unterricht traditionell am Schriftsprachlichen orientiert ist. Dies liegt wohl weniger daran, dass die mündliche Kompetenz als nicht wichtig eingeschätzt würde, sondern eher an deren Komplexität (cf. Nieweler 2017: 124) und vor allem an der als schwierig empfundenen Umsetzung der Bewertung des Mündlichen im Unterricht (cf. Fäcke 2017: 121). Um diese Lücke zu schließen, werden in Publikationen, die sich an ein Lehrer*innenpublikum richten, immer wieder Versuche unternommen, die Methodik der Mündlichkeitsförderung weiterzuentwickeln (zuletzt z.B. in Blume/Nieweler 2018). Wünschenswert wäre eine stärker ganzheitlich orientierten Didaktik und die konsequente Integration neuer Lehr- und Lernformen in den traditionell lehrbuchbasierten Unterricht.
Fachdidaktische Ansätze und Theorien sollten im Idealfall auf empirisch erforschtem Wissen aufbauen können. Was die mündliche Kompetenz betrifft, so ist dies nicht ganz einfach, denn ihre präzise Beschreibung stellt ebenfalls ein Forschungsdesiderat dar. In fachdidaktischen Handbüchern werden häufig globale Aussagen über eine lineare Abfolge von Fertigkeitsstufen gemacht, die von anfänglicher Reproduktion zu immer größeren freien Redeanteilen fortschreiten würden (z.B. Rampillon 1996). Es ist aber keinesfalls klar, wie die Entwicklung der mündlichen
Kompetenz im Detail erfolgt. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen jedenfalls, auf den sich seit einigen Jahren sämtliche Lehrpläne, Lehrwerke und Unterrichtsmaterialien beziehen, liefert nur bedingt Auskunft darüber, denn seine Skalen und Deskriptoren sind, wie hinlänglich bekannt, nicht auf empirischen Daten begründet (z.B. Wisniewski 2017). Welche Subaspekte von mündlicher Kompetenz – Aussprache, Grammatik, Lexik, Turn-Taking, etc. – sich bei Lernenden wie entwickeln, wie sie zusammenspielen, welche davon in welcher Lernphase besonders relevant sind und von welchen Faktoren ihre Entwicklung abhängt, müsste noch viel stärker erforscht werden.
In unserer von Mehrsprachigkeit geprägten Welt soll auch der Einfluss anderer Sprachen auf den Erwerb des mündlichen Französisch berücksichtigt werden. In Wien beispielsweise ist – typisch für Ballungsräume – ca. die Hälfte der SchülerInnenpopulation lebensweltlich zwei- oder mehrsprachig (cf. BMB 2017: 23). Es liegt also nahe, die Rolle der “langues dites de la migration“ auf sprachlicher und Einstellungsebene zu untersuchen und zu prüfen, wie der Einbezug der Sprachen aus der Lebenswelt der Schüler/innen in den Unterricht für die Aneignung des mündlichen Französisch fruchtbar gemacht werden kann. Auch die Fruchtbarmachung weiterer in der Schule gelernten Fremdsprachen ist in diesem Kontext von Interesse.
Auch das Testen und Bewerten von mündlicher Kompetenz in und außerhalb des Unterrichts nimmt Einfluss auf die Intensität und die Art und Weise, wie diese Kompetenz im Unterricht vorkommt und wie der Erwerb mündlicher Kompetenz abläuft. Und auch diesbezüglich ist weitere Forschung, insbesondere zu Test- und Bewertungsformen im Unterricht, aber auch zu Rückkopplungseffekten durch standardisierte Tests, etwa in DELF-Vorbereitungskursen, nötig.
In der geplanten Sektion sollen Forscher*innen aus allen genannten Bereichen – und möglicherweise weiteren, hier nicht genannten Gebieten –empirische oder theoretische Studien zur Mündlichkeit im Französischunterricht präsentieren und darüber in einen Dialog treten. Folgende Leitfragen sollen einige Denkanstöße für die Konzeption von Beiträgen geben:

‐ Was ist unter der komplexen Fertigkeit „compétence orale“ im (schulischen) Französischunterricht zu verstehen? Welche Subaspekte umfasst sie bzw. soll sie umfassen?
‐ Wie entwickelt sich die mündliche Kompetenz bei Lernenden? Welche Einfluss- faktoren auf den Entwicklungsverlauf sind feststellbar?
‐ Welche Rolle spielen Faktoren wie Motivation, Persönlichkeit, Affektivität etc. für die mündliche Kompetenz von Lernenden?
‐ Inwiefern fördern verschiedene Lehr- und Lernangebote die Entwicklung mündli- cher Kompetenz?
‐ Welche Rolle spielen kreative Formate und eine performative Lehr- und Lernkul- tur (beispielsweise theaterpädagogische Elemente)?
‐ Welche Rolle spielen organisationale Aspekte wie Unterrichtssprache, Sozial- form oder Aufgabenformat für die mündliche Kompetenz?
‐ Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit (sowohl im Kontext der in der Schule ge- lehrten Fremdsprachen als auch jenem der “langues dites de la migration“) beim Lernen und Lehren von mündlicher Kompetenz im Französischunterricht?
‐ Welche (neuen, möglicherweise digitalen?) Lernräume können für den Erwerb mündlicher Kompetenz eröffnet werden?
‐ Welche Rolle kann die Digitalisierung beim Erwerb der korrekten Aussprache spielen? (zB Einsatz von Learning Apps)
‐ Welche Rolle spielen die Kompetenz, der Unterrichtsstil und die Einstellungen der Lehrenden beim Erwerb von mündlichen Kompetenzen durch die Lernen- den?
‐ Wie kann und soll die mündliche Kompetenz im Französischunterricht im Ein- klang mit den Prinzipien des kommunikativen Sprachunterrichts überprüft wer- den?
‐ Welche Rückkopplungseffekte auf das Lernen und Lehren von mündlicher Kom- petenz sind durch Tests wie z.B. die teilstandardisierte österreichische SRDP beobachtbar?

Sektionsleitung:
Carmen Konzett-Firth (Universität Innsbruck)
Alexandra Wojnesitz (Universität Wien)

Wir bitten um Zusendung von Beitragsvorschlägen bis 15. Jänner 2020 direkt an die Sektionsleiterinnen unter Verwendung des auf der Tagungshomepage zur Verfügung gestellten Formulars. Nähere Informationen auf der Tagungswebseite des Frankoromanistentags 2020: https://frankoromanistentag.univie.ac.at/

Beitrag von: Carmen Konzett-Firth

Redaktion: Christoph Behrens