Stadt: Villa Vigoni, Deutsch-italienisches Zentrum für den europäischen Dialog in Menaggio, Lago di Como (Italien)

Frist: 2026-02-25

Beginn: 2026-09-21

Ende: 2026-09-25

URL: https://cure.uni-saarland.de/cure-summer-school-2026/

Thematik

Die sich ständig verschärfende Spaltung von und in Gesellschaften ist eines der dringlichsten Probleme unserer Gegenwart, weil sie Formen des Zusammenlebens, zwischenmenschliche Beziehungen und individuelle Selbstentwürfe nachhaltig beschädigt. Sie produziert ein Blockdenken, eine Aufteilung in entgegengesetzte Lager, in der weder Kommunikation noch eine Positionierung im Dazwischen möglich scheinen. Als Keil, der radikal auseinandertreibt, nimmt Spaltung Kollektive und Gemeinschaften in der Immobilität von Denkmustern gefangen, die nicht mehr aufgebrochen werden können. Wenn Spaltungen einerseits auf unverheilte Verletzungen reagieren, produzieren sie andererseits wiederum neue Verletzungen. Alterisierung, also das Gegenüber in einem Prozess der Abschottung, Ausschließung oder Projektion zu einem Anderen, einem Fremden zu machen, ist zugleich Voraussetzung und Konsequenz von Spaltungsprozessen. Sie verhindern Möglichkeiten von Entwicklung, Vieldeutigkeit und Zukunftsoffenheit, die für ein Zusammenleben nötig sind.

Welche Konstanten von Spaltungsprozessen lassen sich über verschiedene Epochen und Kulturräume hinweg beobachten und was macht die Besonderheiten gegenwärtiger Dynamiken aus? Wie kann der Graben, der durch Spaltungsprozesse entsteht, überbrückt werden? Gibt es Strategien des Denkens, Sprechens und Handelns, die Spaltung verhindern oder reparieren können, vor allem vor dem Hintergrund dessen, dass sich Spaltungsmuster bewusst und unbewusst fortsetzen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zahlreiche intellektuelle Positionen unserer Zeit. So denkt Cynthia Fleury in Hier liegt Bitterkeit begraben darüber nach, wie sich im ressentiment individuelle Prozesse traumainduzierter (Ab-)Spaltung und kollektive gesellschaftspolitische Spaltung überlagern und wie solche regressiven Tendenzen überwunden werden können. Auch in zahlreichen Werken der Gegenwartsliteratur und Gegenwartskunst, besonders solchen, die sich mit Krieg, Kolonialismus und Gewalt beschäftigen, steht diese Problematik im Mittelpunkt. Sie führt zugleich zurück zu den Entstehungsdynamiken von unüberbrückbaren Lagern: Wie betreiben bestimmte Konversations- und Kommunikationstechniken (z.B. die Lüge oder informationssteuernde Algorithmen) eine gesellschaftliche Spaltung und wem nützt sie?

Zusammen mit den Teilnehmer:innen unserer Summer School möchten wir über die Spaltung hinausdenken und untersuchen, was kulturelle Praktiken Prozessen der Dehumanisierung, Vereindeutigung und Komplexitätsreduktion entgegenzusetzen haben. Wir interessieren uns für Praktiken, die bestehende Spaltungen bearbeiten und auflösen wollen, genauso wie für solche, die im Sinne einer Prävention Spaltung zu verhindern suchen. Dabei wollen wir den Blick insbesondere auf Strategien des Erzählens und des In-Beziehung-Setzens richten, die neue Konstellationen erproben – in Literatur, bildender Kunst, im Film und in der Musik ebenso wie im Theater oder in religiösen Ritualen: Wie kann sich eine Stimme jenseits von unvereinbaren Lagern positionieren und eine Erfahrung des Dazwischen oder des Darüber hinaus artikulieren, die in der Spaltung unmöglich scheint? Welche ästhetischen Verfahren (etwa Montage, Übersetzung, Polyphonie) machen die Entstehungsprozesse, Funktionen und Wirkungsweisen von Spaltung versteh- und erfahrbar? Welche Strategien des Adressierens und Perspektivierens können einen Handlungsraum eröffnen, der über die Spaltung hinausweist?

Keynote

Véronique Tadjo (Schrifstellerin und Literaturwissenschaftlerin, London/Abidjan)

Organisatorisches

Wir laden interessierte Doktorand:innen ein, ihre Bewerbung samt Lebenslauf und einem maximal zweiseitigen Motivationsschreiben über das Bewerbungsportal einzureichen. Bewerbungen per Post oder E-Mail können nicht berücksichtigt werden.
Die Bewerbungsfrist endet am 25. Februar 2026.
Die Kosten für Reise und Unterkunft von zwanzig Doktorand:innen werden vollständig übernommen.
Das Bewerbungsformular und weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite: https://cure.uni-saarland.de/cure-summer-school-2026/

Ausrichtende Institutionen:
Die jährlich stattfindende Summer School wird vom Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation (CURE) und dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL Berlin) organisiert und in Kooperation mit THALIM (Sorbonne Nouvelle), der Katholischen Universität Portugal, der Universität Triest und der Universität Neapel Federico II veranstaltet.

Kontakt für Fragen zum Bewerbungsverfahren:
Hannah Steurer – Wissenschaftliche Programmleiterin
hannah.steurer@khk.uni-saarland.de

Kontakt für Presseanfragen:
Anna Warum – Wissenschaftskommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
anna.warum@khk.uni-saarland.de
www.cure.uni-saarland.de

Beitrag von: Hannah Steurer

Redaktion: Robert Hesselbach