Journée d'étude: Solidarités imaginées au Québec : représentations, pratiques, conflits / ‘Imagined Solidarities’ in Québec: Repräsentationen, Praktiken, Konflikte
Journée d’étude internationale
Solidarités imaginées au Québec : représentations, pratiques, conflits / Imagined Solidarities in Quebec : Repräsentationen, Praktiken, Konflikte
Friedrich-Schiller-Universität Jena, 30.01.2026
Solidarität hat angesichts multipler Krisen als Schlagwort im politischen Diskurs und als interdisziplinärer Forschungsgegenstand derzeit Konjunktur. Die Kultur und Gesellschaft Québecs versteht sich in besonderem Maße als Solidargemeinschaft. Diese Form der Solidarität artikuliert sich auf der Basis der gemeinsamen Sprache des Französischen und einer historisch gewachsenen Vorstellung kultureller Homogenität in einer Erfahrungs- und Schicksalsgemeinschaft. Das damit verbundene Opfernarrativ stützt sich auf Aspekte wie solidarische Resilienz, insbesondere auch in Bezug auf die indigene Bevölkerung in der frühen Kolonialgesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, und Widerständigkeit gegenüber äußeren Bedrohungen wie der „conquête“ durch die britische Krone nach 1759 oder aktuell angesichts der Drohungen Donald Trumps der Vereinnahmung Kanadas durch die Vereinigten Staaten, die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Nation und Solidarität aufwirft.
Die Virulenz des Begriffs der Solidarität beruht darin, dass er nicht nur als deskriptive Kategorie, sondern wertend, appellativ und handlungssetzend verwendet wird (Busen 2023) sowie eine Norm- und Handlungsdimension (Tranow 2012) impliziert. Solidarität ist politisch umkämpft (Schall 2022) bzw. „umstritten“ (Mayer / Schäfer / Schüll 2024).
Der Streit um Solidarität(en) soll im Rahmen der Tagung als Krisensymptom ebenso analysiert wie als Chance begriffen werden, Solidarität auch theoretisch und konzeptuell neu zu denken – „in der Diversität“, jenseits von Binarismen, von Inklusions- und Exklusionslogiken aber auch von naivem (und eurozentrischem) Universalismus, plural, multiskalar und „verortet“ oder „verkörpert“. Insbesondere soll dabei dem Zusammenhang von Solidarität und Kollektiv bzw. Solidarität und identitärer Zugehörigkeit nachgegangen werden. Aus Sicht Québecs ist dieser Aspekt insbesondere auch im Hinblick auf seine historischen und aktuellen Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung von Interesse.
Der Begriff der „imagined solidarities“ knüpft an Konzepte wie „imagined communities“ (Anderson 1983), „imagined geographies“ (Said 1978) oder „colonial imagination“ (Appadurai 1996), aber auch an „imagined futures“ (Beckert 2016), „imaginaries of migration“ (López García 2021) oder, im kanadischen Kontext, an Charles Taylor‘s Modern Social Imaginaries (2004) an. Das Konzept verweist in diesem Zusammenhang auf kollektive Vorstellungen, Bilder und Repräsentationen, die Solidargemeinschaften konstituieren, zusammenhalten und sie in Raum und Zeit verorten. Soziale Imaginationen (Adams 2023) und die damit verbundenen Praktiken wirken als Kohäsionskräfte zwischen Individuen und Gemeinschaften, können aber auch Ausgangspunkt für Konflikte und Infragestellungen sein. Sie sind zentral für sozialen Wandel und Innovation, insbesondere in Krisenzeiten und im Fall konkurrierender Imaginationen.
Die Tagung fragt nach „imagined solidarities“ im Kontext Québecs und lädt dazu ein, aus interdisziplinärer Perspektive Solidarität und Solidaritätsbeziehungen und die damit verbundenen sozialen Imaginationen, Praktiken und Diskurse zu untersuchen. Soziale Imaginationen von Solidarität und Solidaritätsbeziehungen sowie damit verknüpfte Praktiken und Diskurse werden anhand symbolischer, literarischer oder medialer Repräsentationsformen beleuchtet, aber auch die Konflikte, die damit einhergehen.
Programm
9h00-10h00: Solidarités linguistiques
Caroline Aubry (Jena) / Martin Hébert (Québec): Les futurismes linguistiques au Québec : fondements de nouvelles solidarités ?
Benjamin Peter (Kiel) / Katrin Mutz (Bremen): Zwischen Solidarität und Selbsterhebung – Die glottopolitische Funktion der „anderen“ Varietäten des kanadischen Französisch in Québec
10h30-12h00 : Solidarités écologiques – reflets littéraires
Alex Demeulenaere (Metz): Que peut la littérature ? De la solidarité politique à la solitude écologique dans l’oeuvre de Louis Hamelin
Jody Danard (Bremen): L_e Nord comme matrice de solidarité ? Le village autosuffisant dans Bivouac de Gabrielle Filteau-Chiba_
Marina O. Hertrampf (Passau): Éducation à la solidarité écologique. Otages de la nature, roman engagé pour la jeunesse de Daniel Marchildon
14h-15h30 : Solidarité, relationnalité et diversité dans les littératures autochtones et migrantes
Niv Nissim Schwartz (Budapest): Poétiques de la solidarité dans la littérature autochtone contemporaine du Québec : cosmologies relationnelles et épistémologies de la mémoire partagée
Tariq Afellah (Marrakesh): Imaginaires littéraires de la solidarité : entre lien, conflit et altérité
Diana Mistreanu (Passau): Whose life matters? Énaction et harangues autochtones au Québec
15h45-16h45 : Écrans solidaires : reflets cinématographiques et télévisuelles
Viktoria Sophie Lühr (Paris): Naviguer entre cultures : le cinéma comme miroir des solidarités québécoises
Christoph Vatter (Jena): Solidarité(s) en série(s) : Imaginer la solidarité entre vivre-ensemble et clivages identitaires
17h00-18h30 : Connexions et cohésions
Dagmar Schmelzer (Regensburg): Infrastructures de solidarités (contestées) ? L’utilisation d’infrastructures telles que les ponts, les trains et les routes comme symboles collectifs dans la négociation et la remise en question de la cohésion sociale et nationale
Charlotte Kaiser (Jena): Kontrapunktische Solidarität. Allyship und Freund*innenschaft als politische Praxen in der Dominanzgesellschaft
Doris Eibl (Innsbruck): Co-futurismes et solidarités autochtones : imaginaires relationnels du futur au Québec
Organisation: Alex Demeulenaere (Université de Lorraine), Doris G. Eibl (Universität Innsbruck), Christoph Vatter (Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Beitrag von: Christoph Vatter
Redaktion: Robert Hesselbach