Die Zukunft der Wälder: literarische Betrachtungen aus der Perspektive des Postextraktivismus
Stadt: Passau
Frist: 2026-05-01
Beginn: 2027-01-22
Ende: 2027-01-23
An einem Ort wie Passau, der im Bayerischen Wald und damit im größten zusammenhängenden Waldgebiet Mitteleuropas liegt, gehört der Wald ganz wesentlich zum Heimatgefühl dazu. Umso schwerwiegender ist das Waldsterben, das bereits seit den 1980er Jahren großflächig auftritt und sich durch Hitze, Trockenheit und Stürme als Folgen des Klimawandels in den letzten Jahren zunehmend verstärkt. Tatsächlich fordern Wissenschaftler und Naturschutzverbände seit Jahrzehnten vergeblich mit der „ökologische Waldwende“ (Bode, Wilhelm / Hohnhorst 2000) eine Abkehr von der intensiven Nutzung und eine Entwicklung hin zu einer naturnahen Bewirtschaftung, die auf die Selbstheilungskräfte des Waldes baut. Forderungen dieser Art stehen jedoch in Konflikt mit ökonomischen Interessen, für die der Wald in erster Linie als Nadelholzmonokultur wirtschaftlich effizient sein soll.
Das Motiv des Waldes – in Deutschland vielfach zum Mythos des Deutschen Waldes verklärt (Zecher 2016) – findet insbesondere seit der Romantik auch in der französischen Literatur starken Niederschlag (Caillet 2013). Eine besondere, gerade in der Gegenwart wieder populär gewordene, systemkritische Sicht des Waldes als Gegenort zur konsumorientierten Zivilisation entwickelt Henry David Thoreau (1817–1862) in seinem wegweisenden Werk Walden or, Life in the Woods, das von einer tiefen, romantischen Naturverbundenheit geprägt ist.
Im Verlauf des 20. und 21. Jahrhundert erfährt der Wald als Motiv ganz unterschiedliche Semantisierungen, die wie im kanadischen roman de la forêt als Symbol für den Stolz und die Identität Quebecs (Décarie/Desrochers 2021) über den archaisch-wilden Naturraum als Kontrapunkt zum urbanen Zivilisationsraum und dem Wald als schutzspendendem, respektive bedrohlichem Raum bis hin zum Wald als meditativem und erkenntnisstiftendem Rückzugsraum reichen (vgl. Hagen/Dziudzia 2025).
Vor dem Hintergrund der gegenwärtig immer manifester werdenden Auswirkungen des Klimawandels einerseits und der destruktiven Folgen einer expansiv betriebenen Holzwirtschaft, verändert sich auch das literarische Motiv des Waldes. In zahlreichen ökopoetischen Texten der unmittelbaren Gegenwart wird der Wald dabei zunehmend von extraktivistischen Maßnahmen als bedroht dargestellt. Wie Véronique Tadjo in En compagnie des hommes (2017) eindrücklich zeigt, hat die Abholzung und die damit einhergehende Vernichtung des Habitats wilder Tiere auch verheerende Folgen für die Landbevölkerung; beispielsweise die durch Zoonose ausgelöste Ebola-Epidemie in Westafrika. (Noch) bestehende Wälder werden zuweilen als Heterotopien gezeichnet, als im Thoreau’schen Sinne gegendiskursive Räume alternativer Lebensmodelle. So wird beispielsweise in Vincent Villeminots Zukunftsroman Nous sommes l’étincelle (2019) ein als Naturschutzgebiet ausgewiesener Wald zum Fluchtort einer Gemeinschaft, die dort ein ökologisch verantwortungsvolles und hierarchieloses Leben fern der globalisierten und digitalen Konsumgesellschaft zu finden beabsichtigt. Vergleichbar sucht eine Gruppe ökologisch bewusster Menschen in Bivouac (2023) der quebeker Autorin Gabrielle Filteau-Chibas in den kanadischen Wäldern eine nachhaltige Lebensform im Einklang mit der Natur und in solidarischem Miteinander mit der indigenen Bevölkerung.
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Vor dem Hintergrund der immer größer werdenden Produktion ökopoetischer Texte (Schoentjes 2020; 2021), stellt sich die Frage, inwiefern sich in diesen eine Haltung herausbildet, die als postextraktivistische Ethik bezeichnet werden kann. Der Begriff des Postextraktivismus wurde in den 2010er Jahren vom Uruguayer Eduardo Gudynas entwickelt und vor allem in Lateinamerika als Übergang zu einem Wirtschafts- und Sozialmodell diskutiert, das über die reine Ausbeutung von Rohstoffen hinausgeht und sich auf lokale, nachhaltige und soziale Bedürfnisse konzentriert: „While the age to come is described in the North as being postgrowth, postmaterialist, post economic, postcapitalist, and post human, for the South it is expressed in terms of being post-development, nonliberal, postcapitalist/noncapitalist, biocentric, and postextractivist.“ (Escobar 2018, 140) Dabei kann der Postextraktivismus als eine Übergangsperspektive verstanden werden, die „sich auf die Beseitigung der Dynamik des Extraktivismus konzentriert, der den Kern der aktuellen Entwicklungsmodelle bildet, stellt aber auch die Legitimität des Extraktivismus als nachhaltigen Ansatz für jede Form von Gesellschaft, Wirtschaft oder Regierung in Frage.“ (Serafini 2022, 17) Ein wesentlicher Aspekt postextraktivistischer Denkkonzepte liegt in der Frage des Naturraums, der vor allem in den Ländern des Globalen Südens immer auch mit (neo-)kolonialer Landnahme, Aneignung, Entterritorialisierung und Reterritorialisierung verbunden ist. Die Verhandlung des öffentlichen Naturraums als gemeinsames Gut und spezifischer Lebensraum insbesondere der indigenen Bevölkerung nimmt daher in postextraktivistischen Diskursen im postkolonialen Kontext eine zentrale Rolle ein.
Tatsächlich zeigt sich, dass das Recht auf Natur und die Rechte der Natur angesichts der mittlerweile fatalen Auswirkungen extraktivistischen Denkens und Handelns in immer stärkeren Konflikt zueinander treten. Wie be- und verhandeln ökopoetische Texte der Gegenwart diesen Widerstreit und welche Lösungsansätze entwerfen sie? An dieser Frage nimmt unsere Tagung ihren Ausgangspunkt.
Am Beispiel von Darstellungen des Waldes, seiner vielfältigen Bedrohungen und seiner Zukunft in der Welt von morgen sollen literarische Texte unterschiedlichster Provenienz dahingehend untersucht werden, inwiefern Ansätze und Thesen entwickelt und/bzw. vertreten werden, die sich in den Postextraktivismus als transgressiver Denkfigur einschreiben. Daran schließt sich die Frage, inwiefern man von der literarischen Entwicklung einer postextraktivistische Ethik sprechen kann und ob sich in den untersuchten Texten bestimmte ästhetische und narrative Strategien herauskristallisieren lassen, die als Merkmale einer postextraktivistische Ästhetik ausgemacht werden können.
Die untersuchten Texte (Romane, Erzählungen, Dokufiktionen, Graphic Novels) sollten ab 2000 verfasst worden sein, sich zentral mit dem Wald beschäftigen und aus dem deutsch-, englisch-, französisch- oder spanischsprachigen Raum kommen.
Vortragssprachen sind Französisch und Deutsch.
Die Vorschläge sollten maximal 300 Wörter umfassen und mit einer kurzen biobibliografischen Notiz versehen sein. Sie sind bis zum 1. Mai 2026 per E-Mail an folgende Adressen zu senden: marina.hertrampf@uni-passau.de und franck.collin@univ-antilles.fr.
Organisation und wissenschaftliche Leitung
- Marina Ortrud Hertrampf (Universität Passau, Deutschland)
- Franck Collin (Université des Antilles, Frankreich)
Auswahlbibliographie
Bode, Wilhelm / Hohnhorst, Martin von, Waldwende – Vom Försterwald zum Naturwald, 2000.
Caillet, Vigor (éd.), La forêt romantique, 2013.
Décarie, David/Desrochers, Julien, « Le roman de la forêt au Québec (1934-1947) ou la légitimation d’un espace marginal ». In: Études françaises 57/2 (2021), 155–174. DOI: https://doi.org/10.7202/1078104ar.
Escobar, Arturo, Designs for the Pluriverse: Radical Independence, Autonomy and the Making of Worlds, 2018.
Gudynas, Eduardo, « Caminos para las transiciones post-extractivistas », In: Ana Alayza / Eduardo Gudynas (éd.), Transiciones. Post extractivismo y alternativas al extractivismo en Perú, 2011, 127-216.
Hagen, Kirsten von/Dziudzi, Corinna (éd.), (Re-)Mythisierungen des Waldes in Zeiten des Digitalen= Eine literarische und kulturhistorische Spurensuche, 2025.
Schoentjes, Pierre, « Perspectives écopoétiques : écologie et écriture ». In: Histoire de la recherche contemporaine, Tome X, n°1, 2021, 60-65 ; DOI : https://doi.org/10.4000/hrc.5749.
Schoentjes, Pierre, Littérature et écologie. Le mur des abeilles, 2020.
Serafini, Paula, Creating Worlds Otherwise. Art, Collective Action, and (Post)Extractivism, 2022.
Zechner, Johannes, Der deutsche Wald: Eine Ideengeschichte zwischen Poesie und Ideologie.
Beitrag von: Marina Ortrud Hertrampf
Redaktion: Robert Hesselbach