*Herausgeber*innen*: Odome Angone (Université Cheikh Anta Diop de Dakar) Julia Borst (Universität Bremen) Mame-Fatou Niang (Carnegie Mellon University) Lissell Quiroz (Cergy Paris Université) Nelson Sindze Wembe (Universität Bremen)

Über SIRA
SIRA (Savoirs, Idées, Réseaux, Archives – Wissen, Ideen, Netzwerk, Archive) ist eine dekoloniale Sommerschule mit dem Ziel ein internationales Forschungsnetzwerk aufzubauen, das Forscher*innen (die institutionell angebunden oder unabhängig sind) sowie Nachwuchswissenschaftler*innen zusammenbringt, die zu dekolonialen Fragestellungen aus einer Praxis herausarbeiten, die in subalternen, postkolonialen und dekolonialen Theorien verwurzelt ist.
Der Ausgangspunkt von SIRA war die Begegnung dreier rassifizierter Akademikerinnen – Odome Angone, Mame-Fatou Niang und Lissell Quiroz –, die an Institutionen des Globalen Nordens und Südens tätig sind und in ihren jeweiligen Forschungsfeldern und -kontexten vergleichbare Herausforderungen erlebten. Zum einen teilten sie die Erfahrung, aufgrund von strukturellem Rassismus im akademischen Feld anerkannt zu werden – und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem der universitäre Extraktivismus rasant zunahm. So erlebte etwa das Feld der dekolonialen Studien eine kulturelle Aneignung durch Personen, die von ihrer privilegierten Position profitierten, ohne diese zu hinterfragen. Zum anderen stellten sie ihre Situation als rassifizierte Frauen und Mütter in den Vordergrund, die die Kolonialität von Gender (Lugones) in besonders einschneidender Weise erfahren.
Aus diesem Grund legte die erste Veranstaltung von SIRA (fortan SIRA 1), die im Mai 2024 in Paris stattfand, die Grundlagen für eine Erkundung dekolonialer Praktiken in der akademischen Wissensproduktion. Im Mittelpunkt stand die Dekonstruktion von Vertikalität und Hierarchie in Wissenssystemen sowie die konkrete Verwirklichung epistemischer Gerechtigkeit. Als Beispiel sei ein Workshop mit dem Titel „Die Küche als Schule der Frauen: Wissensgenerierung jenseits der kolonialen Institution“ (koordiniert von O. Angone) genannt, das kulinarische kamerunische Wissen als gleichwertigen Erkenntnisbereich neben universitärem Wissen anerkannte.
Gestärkt durch den Erfolg dieser ersten Veranstaltung und den kollektiven Schwung, den sie ausgelöst hatte, beschlossen die Organisatorinnen, die Sommerschule fortzusetzen und in den Globalen Süden zu verlagern. Die Fortsetzung von SIRA, organisiert in Zusammenarbeit mit dem GIRCI (Groupe Interdisciplinaire de Recherche sur les Cultures et les Identités) an der Université Cheikh Anta Diop in Dakar (Senegal), erkundete „Dekoloniale Wege, Wissen, Räume und Erinnerungen“. Diese geografische Verschiebung war kein Zufall: Sie war in sich
selbst ein epistemischer Akt – eine Weigerung, die Zentralität des Globalen Nordens als einzig legitimen Ort der Wissensproduktion zu reproduzieren.
Das Event in Dakar gliederte sich in eine dreigliedrige Reise an drei symbolisch aufgeladene Orte: die Université Cheikh Anta Diop in Dakar für den institutionellen und akademischen Teil; das Musée des Civilisations Noires für die Debatte um die Rückgabe afrikanischer Kunstgegenstände; und die Insel Gorée aufgrund ihrer historischen und erinnerungspolitischen Bedeutung. Diese Bewegung zwischen Universität, Museum und Gedenkstätte verdeutlichte auf konkrete Weise, dass Dekolonisierung keine bloße Metapher ist. SIRA 2 brachte Forscher*innen aus aller Welt zusammen und gab den Anstoß zum Projekt eines internationalen Forschungslabors zur Dekolonialität des Wissens.
Wir schlagen nun eine dritte Etappe auf dem Weg von SIRA vor: Einen Sammelband mit dem Titel „Wissenschaftliche Marronnage: Ein dekolonialer Ansatz aus dem Kontext von SIRA (Wissen, Ideen, Netzwerk, Archive)“, in die bislang unveröffentlichten Beiträge zur Dekolonialität des Wissens versammelt werden sollen. Die Publikation wird um den Begriff der „wissenschaftlichen Marronnage“ strukturiert.

Wissenschaftliche Marronnage
Marronnage ist ein aus den Arawak-Sprachen stammender Begriff, der ursprünglich die Flucht domestizierter Tiere und in der Rückkehr in ihre natürliche Lebenswelt bezeichnete. In seinem historischen Sinne beschreibt er die Flucht und den Widerstand versklavter Menschen, die koloniale Herrschaft ablehnten, indem sie in Freiheitsräume flohen – die Palenques oder Kilombos, d. h. autonome Gemeinschaften, die am Rande der kolonialen Ordnung entstanden waren und gegen diese kämpften. Die Menschen an diesen Orten gaben den Kampf niemals auf: Geschützt vor dem Blick der Sklavenhalter*innen schufen sie radikal andere Lebens-, Wissens- und Organisationsformen.
Diese Figur rufen wir auf, wenn wir von Praktiken wissenschaftlicher Marronnage sprechen – verstanden als Marronnage des Wissens. In den Universitäten der heutigen Zeit, in denen intellektueller Extraktivismus, epistemische Hierarchien und die Kolonialität von Gender die Bedingungen der Wissensproduktion und -legitimierung weiterhin tiefgreifend prägen, gleicht der Ansatz von SIRA einem Akt kreativer und emanzipatorischer Flucht: Flucht aus den Zentren, um die Ränder zu bewohnen; Flucht aus der Vertikalität, um Horizontalität zu konstruieren; Flucht aus der Hegemonie eines einzigen Wahrheitsregimes, um eine Vielzahl von Wissensordnungen gleichzeitig existieren zu lassen.
Wissenschaftliche Marronnage bedeutet keinen Rückzug, sondern die Erfindung kreativer und widerständiger Räume aus dem Wissen und den Erfahrungen heraus, die uns innewohnen und uns durchdringen. Die Bewegung, die von der Wissenschaft ausgeht und in an die Ränder gedrängten Räumen endet, welche von einer Geschichte des widerständigen Wissens durchzogen sind, ist eine Weise, die von SIRA aufgeworfenen Fragen ernst zu nehmen: Was bedeutet Dekolonisierung? Welche pädagogischen Konsequenzen hat sie? Und inwiefern kann sich die Universität selbst als Raum der Marronnage behaupten?

Thematische Schwerpunkte
Aus den Arbeiten und dem Austausch von SIRA 1 und 2 hervorgegangen ist der geplante Sammelband eine Einladung, Beiträge zu folgenden Themenschwerpunkten einzureichen:
1. Wissen, Macht und epistemische Gerechtigkeit
2. Archive und digitaler Raum
3. Körper, Gender und psychische Gesundheit
4. Geschichten, Erinnerungen, Imaginationen
5. Orte, Bindungen, Beziehungen
6. Sprachen und Macht
7. Maßnahmen der Fürsorge (körperlich, geistig usw.) innerhalb akademischer Systeme
Diese Schwerpunkte sind nicht hermetisch voneinander getrennt gedacht: Beiträge, die mehrere Achsen miteinander verbinden, sind ausdrücklich willkommen. Ansätze, die Theorie und Praxis miteinander verbinden und nicht-hegemoniale Korpora, Sprachen und Epistemologie in den Dialog bringen, werden besonders begrüßt.

Modalitäten zur Einreichung
Abstracts (maximal 250 Wörter) zu den Artikeln sollen bitte bis zum 20. April 2026 an folgende Adresse gesendet werden:
siraecoledecoloniale@gmail.com
Die Entscheidung über die Annahme der Abstracts wird am 20. Mai 2026 mitgeteilt. Die vollständigen Artikel (maximal 30.000 Zeichen) sind bis zum 15. Dezember 2026 einzureichen. Vorschläge können auf Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch oder Englisch eingereicht werden.

Beitrag von: Nelson Sindze Wembe

Redaktion: Ursula Winter